Botschafterin in Sachen Wurst

Mitglied einer französischen Wurst-Bruderschaft

Die Zeremonie hat etwas feierliches: Eine Gruppe in rot-blauen Gewändern zieht in das geschmückte Festzelt ein. Eine Urkunde wird verlesen, ein Orden verliehen und ein Stückchen Wurst verkostet – Birgit Wankmüller ist danach „Gente Dame de la Grand Table du Fuzelien“, also „Edle Dame des großen Tisches der Fuzelien-Wurst“.

Was für Außenstehende zunächst etwas sonderbar wirkt, ist eine ernste Angelegenheit: Eine typische französische Wurstsorte, die Fuzelien, hat in der Vergangenheit ihre Bedeutung verloren und ist in Vergessenheit geraten. 1979 gründeten Metzger aus Nouan-le-Fuzelier die Bruderschaft „La Grand Table du Fuzelien“, um die Wurst zu bewerben. Neben einer jährlichen Wurstprämierung erhalten Menschen, die sich um die Wurst verdient gemacht haben, die Ehrenmitgliedschaft und werden so zum Botschafter in Sachen Wurst. Die französische Fuzelier ist am ehesten mit einer groben Fleischwurst vergleichbar, die aber mit vielen Kräutern verfeinert ist. Die Spezialität kann wie eine Fleischwurst warm, beispielsweise mit Kartoffelsalat oder auch kalt, mit einem guten Senf und frischem Brot, gegessen werden.

Birgit Wankmüller ist nicht die erste Deutsche, die in diesen exklusiven Zirkel aufgenommen wurde, einige andere haben ebenfalls die Auszeichnung verliehen bekommen: Die Gemeinde Nouan-le-Fuzelier in der Sologne südlich von Orléans ist die Partnerstadt von Gerabronn. In der Vergangenheit wurden unter anderem Alt-Bürgermeister Dieter Rometsch, Manfred Wankmüller (Mitbegründer der Partnerschaft) und Uwe von Berg (ehemaliger Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses) in den edlen Kreis berufen. Da Birgit Wankmüller seit 2013 Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses ist, erhielt sie 2016, anlässlich des Fests zu 50 Jahren Partnerschaft, die Ehrenmitgliedschaft. Mit ihr wurden auch der damalige Bürgermeister Klaus-Dieter Schumm und Rolf Wankmüller ausgezeichnet.

Dass dieses Ehrenamt mit Pflichten verbunden ist, wurde Birgit Wankmüller klar, als sie dieses Jahr in Südfrankreich in Saint-Cyprien bei Collioure über einen der typischen französischen Wochenmärkte schlenderte, auf denen Käse, Oliven, Obst und Gemüse, Kleider für die Damen, Messer für die Herren, Wein, alles für den Haushalt, Mützen, Hüte und so vieles mehr und natürlich Fleisch und Wurst angeboten wird: Neben vielen Ständen mit getrockneten Wurstspezialitäten stach ihr und ihrem Mann einer besonders ins Auge: Der von Madame Caro. Auf einer großen Tafel hatte sie aufgeführt, welche Preise ihre Spitzenprodukte schon erzielten: Eine Goldmedaille für die getrocknete Wurst mit Feigen, eine silberne für die Trockenwurst und eine bronzene für die getrocknete Wurst mit Walnüssen. Als die Wankmüllers genauer hinsahen, bemerkten sie, dass diese Medaillen am 23. März 2012 in Nouan-le-Fuzelier verliehen wurden. Das Interesse war geweckt, Birgit Wankmüller kam ihrer Aufgabe als Botschafterin nach und sprach Madame Caro an. Die freute sich, dass sich Leute für die Auszeichnungen interessierten und war umso erstaunter, als sie erfuhr, dass die deutsche Touristin eine „Edle Dame“ der Bruderschaft aus Nouan war und sich um die Bekanntheit der dortigen Wurst bemühte. Nach einem ausführlichen Gespräch über Frankreich im Allgemeinen und die Sologne im Speziellen sowie über die Vorzüge der französischen Würste kauften die Wankmüllers die vorzüglichen Produkte und nahmen auch noch einen kleinen Vorrat mit in ihre Hohenloher Heimat.

Der alljährliche Wettbewerb in der französischen Partnerstadt Gerabronns hat eine überregionale Bedeutung, sodass er selbst in Südfrankreich ein klarer Wettbewerbsvorteil ist. Aber auch ausländische Produzenten haben bei der Prämierung schon erfolgreich teilgenommen: Die Gerabronner Metzgerei Spriegel schickte im März 1990 einen Bierschinken in die Sologne und erhielt einen Ehrenpreis – auch deshalb, weil die Wurstsorte in Frankreich vollkommen unbekannt war und als besondere Fleischwurst ins Rennen ging. Im Sommer des gleichen Jahres bekam Otto Spriegel vom extra angereisten Vorsitzenden der Bruderschaft die Auszeichnung ausgehändigt. 

Das Ziel des „Großen Tisches“ ist erreicht: Der Wettbewerb macht zum einen die französische Wurst bekannter und zum anderen die landschaftlich reizvolle Gegend, aus der sie stammt. th

Birgit Wankmüller präsentiert stolz ihre Auszeichnung.

Wurstexpertinnen unter sich: die „Edle Dame“ aus Deutschland (re.) und die einheimische Verkäuferin, Madame Caro, in Saint-Cyprien (Südfrankreich).

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