Ebbes aus Hohenlohe

Universalgenie mit dem richtigen Blick

Der Langenburger Fotograf Max Gürtler filmte den Besuch des britischen Königspaars 1965 als einziger in Farbe. Seine Verwandten erzählen aus dem Leben des Selfmade-Handwerkers. 

Vom Besuch der britischen Königin Elizabeth II. und ihres kürzlich zu Grabe getragenen Mannes Prinz Philip gibt es viele Bild- und Film-Dokumente. Sie sind aber fast alle – wie 1965 in der aktuellen Berichterstattung so üblich – auf Schwarz-Weiß-Negativen festgehalten. Eine große, internationale Bildagentur hat ein einziges farbiges Bild in ihrem Archiv. Das Langenburger Ehepaar Inge und Otto Krivka nennt einen rund fünf Minuten langen Super 8-Film ihr Eigen, der das Ereignis und das ganze Drumherum in Farbe zeigt. Otto Krivka ist der Neffe des Langenburger Fotografen Max Gürtler, der seit der Nachkriegszeit viele Ereignisse und Feierlichkeiten für die nachfolgenden Generationen auf Zelluloid gebannt hat.

„Wir stammen ursprünglich aus den Sudentenland“, erzählt Otto Krivka. „Nach der Vertreibung hat sich unsere Familie wieder in Langenburg getroffen.“ Sein 1896 geborener Onkel lernte ursprünglich Einzelhandelskaufmann. Ihn hatte aber schon immer die Fotografie interessiert und er machte sie zu seinem Hobby. Während des Kriegsdienstes hatte er als Angehöriger der Marine, erinnern sich seine Nachkommen, an den Küstenbatterien der Nordsee Filme zur Erheiterung der Soldaten vorgeführt.

Nach 1945 fanden Max Gürtler und seine Frau in Langenburg eine neue Heimat. Der freundliche und offene Mann bekam schnell Anschluss in dem kleinen Städtchen oberhalb der Jagst und war beliebt. Als im Juni 1946 in der damaligen amerikanischen Besatzungszone die einheitliche „Deutsche Kennkarte“ – ein Vorläufer des heutigen Personalausweises – eingeführt wurde, schlug die Stunde von Max Gürtler: „Er hat mir immer erzählt“, berichtet sein Neffe, „dass ihn seinerzeit Bürgermeister Fritz Gronbach fragte, ob er nicht die Passfotos für die Kennkarten der Langenburger Bürger machen könnte“. Nach kurzer Überlegung sagte er zu, gründete ein Fotoatelier und baute sich so eine neue Existenz auf. Später absolvierte der ungelernte Selfmademan sogar noch die Meisterprüfung.

Max Gürtler war aber nicht nur als Fotograf tätig, er spielte auch Klavier und Akkordeon. Zusammen mit anderen Langenburgern machte er im „Stern-Saal“ Tanzmusik – eine der wenigen Gelegenheiten in der Nachkriegszeit, sich etwas Ablenkung vom grauen Alltag zu verschaffen. Als Klavierstimmer kam er in der ganzen Gegend in die reichen Bauernhäuser und ließ sich mit Speck und Eiern bezahlen. Viele Familienfeiern, Hochzeiten, Konfirmationen und Tanzkränzchen lichtete der Fotograf in den Jahren seiner Tätigkeit ab.

„Er war ein Universalgenie“, fassen Inge und Otto Krivka die Talente ihres Verwandten zusammen: Denn er fotografierte nicht nur und hatte einen Blick für das passende Motiv beziehungsweise für den richtigen Bildausschnitt, er entwickelte die Bilder, retuschierte sie und malte die Titel für seine Filme selbst.

Mit dem Fürstenhaus und mit der damaligen Fürstin pflegte der Fotograf ein „sehr gutes Verhältnis“, versichert Otto Krivka. Viele der Kinderbilder stammten von ihm. Der Neffe erzählt von der humorvollen Art seines Onkels: So habe er einmal zur Fürstin gesagt, dass es in Langenburg zwar eine Hofapotheke und einen Hofkonditor gebe, aber ein Hoffotograf fehle. Sie entgegnete leicht irritiert, „wenn Sie darauf Wert legen…“. Doch er löste den Spaß auf.

Aufgrund dieser guten Beziehungen ist Max Gürtler damals wahrscheinlich auch beim Besuch des britischen Königspaars zur Berichterstattung in den Schlosshof zugelassen worden. Der Fotograf filmte aber nicht nur das eigentliche Treffen in Farbe, sondern auch die Vorbereitungen. Ganz Langenburg hatte sich an diesem Montag, 24. Mai 1965, herausgeputzt: Die Häuser waren mit Fahnen geschmückt und die vielen Tausend Besucher hatten sich in ihre besten Kleider geworfen. Sie warteten alle gespannt auf den Fahrzeugkonvoi, der aus Richtung Schwäbisch Hall das Jagsttal heraufkam. Jubel brandete auf, als der Mercedes mit Königin Elizabeth II. und Prinz Philip an ihnen vorbeifuhr. Im Schlosshof erklärte Fürst Kraft zu Hohenlohe-Langenburg seinen britischen Verwandten – die Queen trug ein kanariengelbes Kleid – die Schäden, die der große Brand zwei Jahre zuvor angerichtet hatte.

Max Gürtler kaufte weiteres Filmmaterial hinzu und schnitt alles zu einem farbigen Dokument des Deutschlandbesuchs zusammen. „Allerdings sind die anderen Szenen mittlerweile ganz verfärbt“, erklärt das Ehepaar Krivka, „Kodak- und Fuji-Farbfilme hatten beständige Farben, die von Agfa bekamen einen Rotstich“. Im Laufe der Jahre entstanden zu vielen Gelegenheiten weitere Filme: Langenburg während der vier Jahreszeiten, Ostermontagsmärkte, Volksfeste mit dem Spielmannszug, dazu viele Familienfeierlichkeiten. „Ich habe nicht viele Fertigkeiten von meinem Onkel geerbt“, bemerkt Otto Krivka schmunzelnd, „nur das Fotografieren und Filmen“. Das Ehepaar hat so viel eigenes Material und noch mehr Filme des Onkels im Keller, „dass wir sicherlich eine Woche lang ohne Unterbrechung Filme schauen könnten“. Immer wieder entdecken sie in den Streifen neue, kleine Szenen mit bekannten Personen oder Nachbarn.

Max Gürtler starb 1977 im Alter von 81 Jahren. Er war bis zuletzt als Fotograf tätig. th

Foto: In dem gut fünf Minuten langen Film sind unter anderem zu sehen (von links): Prinz Rupprecht, Prinzessin Beatrix, Prinz Albrecht, Fürstin Margarita und Fürstin Charlotte zu Hohenlohe-Langenburg (leicht verdeckt), Königin Elizabeth II. und Prinz Philip, Fürst Kraft und Prinz Andreas zu Hohenlohe-Langenburg sowie ein englischer Offizier. Quelle: Film von Max Gürtler

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