Ebbes aus Hohenlohe

Der ganze Stolz eines Wandergesellen

Um für die Walz richtig gerüstet zu sein, werden die Handwerker von Roswitha Weckert in Gerabronn eingekleidet. 

Seit dem Mittelalter ist es bei Handwerksgesellen gute Tradition, ein paar Jahre „in der Fremde“ Erfahrungen zu sammeln. Auf der Walz lernen die jungen Männer neue Arbeitsmethoden kennen und bilden sich so durch aktive Mitarbeit weiter. Wieder zu Hause angekommen, können sie ihre neu hinzugewonnenen Fähigkeiten im elterlichen Betrieb oder als Selbstständiger einsetzen.

Jedes Gewerk hat eine eigene Arbeits- und Reisekleidung, die oft an die individuellen Wünsche angepasst wird. Und hier kommt Roswitha Weckert aus Gerabronn ins Spiel: Sie fertigt die Handwerkskluften auf Maß und ist laut eigenen Angaben eine der letzten vier Zunftschneidereien in Deutschland – neben den Angeboten von der Stange. „Die anderen Kollegen sind alle älter als ich“, lacht die 64-Jährige. „Die Stoffe, die wir verarbeiten, sind robuster und so hält unsere Kleidung wesentlich länger“, betont sie. „Da erübrigt sich dann die Diskussion über den Preis.“

Die Wandergesellen sind in sogenannten Schächten organisiert, die aber keine rechtliche Form haben. Sie leben die Traditionen weiter, haben ihre eigenen Formen der Kleidung und der Wanderausrüstung. Auf den ersten Blick sind sie durch ihre Farben unterscheidbar: Die Krawatte („Ehrbarkeit“) und Paspeln werden in diesen Farben gehalten.

Bevor die jungen Handwerkergesellen auf Wanderschaft gehen, lassen sie sich von Roswitha Weckert beraten. Im Nähatelier direkt am Kreisverkehr in Gerabronn werden dann die konkreten Wünsche für die Kluft geäußert: Diese und jene Taschen an der Weste und am Jackett, das Hemd („Staude“) sollte bestimmte Biesen bekommen, die Hose einen mehr oder weniger großen Schlag und das Zunftzeichen muss an einer bestimmten Stelle aufgestickt sein, „sie sind halt wie alle Männer eitel“, schmunzelt die Schneiderin. „Diese Reisekluft ist der ganze Stolz der Handwerker.“ Während der Arbeit wird dann oft eine andere Montur getragen.

Da die Männer auf der Walz durch die Kluft sofort erkennbar sind, sollen sie sich „rechtschaffen“ und „ehrbar“ verhalten: Sie sind auf die Hilfe und das Wohlwollen von anderen Menschen und Kollegen angewiesen. Der Ruf der Zünfte und Schächte soll in der Öffentlichkeit hochgehalten werden. In Deutschland gab es vor zehn Jahren rund 450 Wandergesellen – aktuellere Schätzungen sind nicht verfügbar. Seit den 1980er Jahren gehen auch Frauen auf Wanderschaft, sie haben aber nur einen Anteil von zehn Prozent.

Roswitha Weckert begleitet die Handwerker häufig über längere Zeit und lebt von ihrer Mund-zu-Mund-Propaganda recht gut. Kunden aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem angrenzenden Ausland kommen zu ihr. Sie stattet die Männer mit einer Kluft aus und erlebt so die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Leute mit: „Manche kommen zunächst mit ihrem Vater und sind ganz schüchtern“, erzählt sie. Wenn sie während der Walz eine neue Hose benötigen oder etwas repariert werden muss, lernt die Gerabronnerin ihre Kunden mit gestiegenem Selbstvertrauen neu kennen. Oft hört sie danach jahrelang nichts mehr und dann steht plötzlich der gestandene Meister bei ihr und möchte sich eine Hochzeitskluft anfertigen lassen oder kommt mit seinem Sohn, um ihm die erste eigene Montur zu kaufen. „Ich finde es schön, für Handwerksgesellen zu arbeiten.“

Ihre Tätigkeit hat ihr auch 2017 über den plötzlichen Tod ihres Mannes hinweggeholfen. „Das war eine schwierige Zeit für mich, aber die Abwechslung beim Kontakt mit den Wandersleuten hat mir geholfen“, schildert Roswitha Weckert die damalige Situation. Wenn ihr die Energie fehlte, baute sie immer der Gedanke an ihren Mann wieder auf, der voll und ganz hinter ihrer Selbstständigkeit stand. Bis 2007 arbeitete Roswitha Weckert als angestellte Schneiderin bei einem Industrieunternehmen und verlor dann ihren Job. Bei einem Hersteller von Zunftkleidung erhielt sie eine neue Chance. Dort lernte sie, was beim Nähen der Kluft wichtig ist. Als auch dieses Unternehmen in Schwierigkeiten kam, wagte sie 2009 den Schritt in die Selbstständigkeit: zunächst von zu Hause aus, siedelte sie 2014 an den Gerabronner Kreisel um.

Neben der Maßanfertigung von Kluften – Orthopäden und Landwirte nutzen ebenfalls gerne ihre robuste Kleidung – repariert und ändert Roswitha Weckert nicht nur selbst genähte Stücke, sondern hat während des Corona-Shutdowns im Frühjahr auch Alltagsmasken angefertigt, „damals gab es ja noch keine zu kaufen“. Zusammen mit Stefanie Korder und weiteren Helferinnen sind für Altenheime, Behinderteneinrichtungen, Krankenhäuser und Privatleute mehr als 2500 Masken entstanden – viele kostenlos oder gegen eine Spende. „Wir wollten etwas Gutes tun, leben kann man davon nicht“, betont sie. So arbeiteten sie gemeinsam jedes verfügbare Stückchen Stoff in eine Maske um, die Farben spielten keine Rolle. „Heute ist daraus ein Accessoire entstanden, das farblich genau zur restlichen Kleidung passen muss.“

Auch wenn sie bald das Rentenalter erreicht, denkt die Gerabronner Schneiderin nicht ans Aufhören: Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger ist nicht in Sicht und der Beruf macht ihr Spaß. „Ich nähe gerne und mache dann einfach etwas weniger“, blickt Roswitha Weckert voraus. „Ich will später nicht nur die weiße Wand anstarren müssen.“ th

Foto: Roswitha Weckert geht mit Freude an ihre Arbeit. Hier fertigt sie gerade die Weste für einen Zimmerergesellen mit schwarzen Paspeln.

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