„Theater ist öffentliches Schauen“

70 Jahre Kultur auf höchstem Niveau

Regelmäßig Klassiker von Schiller, moderne Stücke und Musiktheater mit Live-Band, und danach noch mit den Schauspielern ins Gespräch kommen: Das machen Theaterabende in Gerabronn seit 70 Jahren aus.

Nach dem verlorengegangenen Krieg, nach dem Ende des „Großdeutschen Reichs“ mit seinem Rassenwahn und der gleichgeschalteten Volksbildung, dürsteten die Menschen auch in Hohenlohe nach Hochkultur: 1949 organisierte der Gerabronner Journalist Manfred Wankmüller (Kürzel „mw“) die ersten Vorstellungen der Theatergemeinde. Mit von der Partie war von Anfang an die Württembergische Landesbühne (WLB) aus Esslingen.
Das vor 100 Jahren gegründete Ensemble hatte zunächst keinen festen Spielort, sondern zeigte sein breites Repertoire an vielen Orten, auch und gerade in der Provinz. Daher war die WLB die erste Wahl für den rührigen Theaterliebhaber. Nach 70 Jahren ist die Begeisterung in Gerabronn nach wie vor ungebrochen. Es finden sich viele Besucher, die an klassischen und modernen, dramatischen und lustigen oder absurden und realen Stoffen Interesse haben ‑ in der gerade begonnenen Jubiläumssaison mehr denn je.
Für die beiden Intendanten der WLB, Friedrich Schirmer und Marcus Grube, hat das Theater nichts von seiner Faszination verloren. „Theater ist immer live und es ist immer öffentliches Schauen“, betont Grube den Gegensatz zu Netflix und Co. Die Zuschauer sehen sich das Stück gemeinsam an, sprechen und urteilen gemeinsam darüber. Schirmer ergänzt: „Theater ist ohne Publikum sinnlos. Es lebt vom Austausch zwischen den Handelnden auf der Bühne und den Betrachtenden.“ So sei jede Aufführung und jeder Abend anders. Es sei den Zuschauern nicht zuzumuten, regelmäßig nach Esslingen ins Theater zu fahren. Darum kämen die Schauspieler einfach zu ihnen. „Unser Herz schlägt für das Wandertheater“, unterstreicht der 68-jährige Kölner. Die Verbundenheit zur Region zeigt sich für den 46-jährigen Co-Intendanten Grube bei der Auswahl der Stücke: Die Esslinger greifen gerne auf Material von Oliver Storz zurück, der in Schwäbisch Hall aufgewachsen ist.
Ein Wandertheater muss sich beschränken, erklärt Friedrich Schirmer. „Der Stoff muss so kompliziert wie nötig und die Inszenierung so einfach wie möglich sein.“ Sonst könnten die Stücke nicht auf den unterschiedlichsten Bühnen aufgeführt werden. Das kleine Ensemble inspiriert sich dabei gegenseitig. So werden „alte“ Stoffe wie das Jubiläumsstück „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller in die Neuzeit transferiert: Machtmissbrauch, die Forderung nach persönlicher Freiheit und MeToo waren damals wie heute topaktuell.
Dass Gerabronn zwischenzeitlich der älteste Außenspielort der WLB ist (in Ilshofen gastieren die Esslinger auch regelmäßig), verdankt die Theatergemeinde den rührigen Machern im Hintergrund. Die Stadtverwaltung unterstützt die Planungen und die Aufführungen personell und auch finanziell. Bürgermeister Christian Mauch ist als Vorstandsmitglied der WLB vom Esslinger Theater überzeugt: „Ein großes Stück Kultur.“ Das Kuratorium wählt die fünf Erwachsenenstücke sowie die Kinderaufführung aus. Es organisiert den Kartenverkauf und das ganze Drumherum. Fritz Maywald bereitete die Jubiläumssaison vor, mit dabei der Einführungsabend, bei dem vier Theatermacher das aktuelle Programm präsentierten.
Der Erfolg gibt allen Beteiligten recht: Die Jubiläumsveranstaltung in der Gerabronner Stadthalle mit dem Schiller-Klassiker war fast ausverkauft. Die Dramaturgen haben das Stück mit der unglaublich starken Sprache auf gut 70 Minuten gekürzt und die Zuschauer den nach wie vor aktuellen Stoff dankend aufgenommen. Beim Gespräch nach dem kräftigen Schlussapplaus zeigten sich auch die Schauspieler hochzufrieden. th

Beim Einführungsabend (v.li.): Marcus Grube (Intendant), Markus Michalik (Schauspieler), Gesine Hannemann (Schauspielerin) und Friedrich Schirmer (Intendant).

Fritz Maywald sortiert im Vorfeld des Jubiläums die Plakate der vergangenen Spielzeiten.

Szenenfoto: Patrick Pfeiffer

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