Ebbes aus Hohenlohe

Freundschaft und Tradition im Herzen Europas

Seit 58 Jahren treffen sich Menschen aus Gerabronn und dem französischen Nouan-le-Fuzelier. In diesem Jahr reiste die Hohenloher Delegation ins Nachbarland. 

Der kulturelle und freundschaftliche Austausch zwischen den Bürgerinnen und Bürgern beider Städte steht im Mittelpunkt der jährlichen Begegnungen zwischen Gerabronn und Nouan-le-Fuzelier in der Sologne südlich von Orléans. Als der Bus nach 830 Kilometern und rund zwölf Stunden Fahrt am Festsaal eintraf, wurde die rund 50-köpfige Delegation aus Hohenlohe mit der gesungenen Europahymne begrüßt. Da die persönlichen Beziehungen zwischen den beiden Gemeinden teilweise schon seit Jahrzehnten und über mehrere Generationen bestehen, war das Wiedersehen umso herzlicher – Freunde treffen Freunde.

Patrick Lunet, Bürgermeister von Nouan-le-Fuzelier, freute sich, dass wieder eine so große Gruppe mit Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Berufen nach Frankreich gekommen sei, „das zeigt, wie lebendig die Verbindung auch nach 58 Jahren noch ist“. Die Idee der Städtepartnerschaften nach dem Zweiten Weltkrieg sei der ausdrückliche Wille der damaligen Regierungschefs Charles de Gaulle und Konrad Adenauer gewesen. Sie sollten Ausgangspunkt für den Aufbau eines geeinten Europas sein. Gerabronns Bürgermeister Christian Mauch blickte voller Erwartung auf das geplante Programm, die Gemeinschaft und ein tolles Wochenende.

Mathilde Blanc, Präsidentin des französischen Partnerschaftskomitees, begrüßte besonders einige neue Gastgeber: Es sei wichtig, dass die Tradition weitergetragen werde. Ihre deutsche Amtskollegin Birgit Wankmüller griff diesen Punkt auf und wünschte sich, dass noch mehr jüngere Menschen vom Reiz der „Jumelage“ überzeugt werden. Im Gegensatz zu anderen Städtepartnerschaften sind die Besucherinnen und Besucher in Familien untergebracht, um die Beziehungen zu vertiefen und die jeweils andere Lebensweise hautnah zu erleben. So gleicht das jährliche Treffen eher einem Familienfest als einer steifen, offiziellen Veranstaltung.

Nach der Begrüßung lernten die neuen Teilnehmer einige französische Besonderheiten kennen: Zuerst gab es einen Aperitif (nicht nur das Getränk, sondern auch ein paar Häppchen vor dem Abendessen). Dann folgten mehrere Gänge mit Vorspeise, Hauptgang und Käse in den Familien. Zum Dessert traf sich die Gruppe wieder im Festsaal.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit verschiedenen französischen Köstlichkeiten in den Familien stand ein Ausflug ins rund 60 Kilometer südlich gelegene Bourges auf dem Programm. Die im 12. Jahrhundert erbaute Kathedrale zählt seit 1992 zum Weltkulturerbe. Sie beeindruckt durch ihren Grundriss. Obwohl sie kein Querschiff besitzt, zählt sie zu den größten Kirchen Frankreichs. Die Portale aus hellem Kalkstein erzählen die biblische Schöpfungsgeschichte und bereiten auf das Jüngste Gericht vor. Ein weiteres imposantes Bauwerk in Bourges ist der Palais Jacques Cœur aus dem 15. Jahrhundert: Er ist ein seltenes Beispiel für die bürgerliche Architektur jener Zeit, da der Erbauer als Schatzmeister der französischen Könige den Staat zu einem großen Teil mit seinem Geld finanzierte. Der Palast gilt als einer der architektonischen Vorläufer der französischen Renaissance.

Den letzten Tag des Partnerschaftstreffens verbrachten die Gäste wieder in den Familien, bevor sich die Gruppe zu gemeinsamen sportlichen Aktivitäten traf. Ursprünglich war ein längerer Spaziergang und ein Boule- (in Frankreich: Pétanque-) Turnier geplant. Da es jedoch stark regnete, wurden die Aktivitäten kurzerhand in die Sporthalle verlegt: Badminton, Tischtennis und verschiedene Brettspiele standen auf dem Programm.

Am Abend fand das traditionelle Abschiedsessen und die Übergabe der Gastgeschenke statt. Bürgermeister Christian Mauch dankte für das verlängerte Wochenende, „gute Freunde treffen ist etwas, was man nicht missen möchte“. Die Partnerschaft sei eine besondere Verbindung, die seit 1966 in der Mitte Europas gepflegt werde. Zur Erinnerung an die schönen Erlebnisse in diesem und in den vergangenen Jahren sowie um die Zeit bis zum nächsten Treffen 2025 in Gerabronn zu verkürzen, überreichte Christian Mauch seinem französischen Kollegen eine Uhr mit den Wappen beider Gemeinden. Patrick Lunet revanchierte sich mit Tierimpressionen aus der Sologne, die nach wie vor als artenreiches Jagdgebiet gilt. Auch für die französische Seite sei es schwierig, jüngere Menschen für die Partnerschaftstreffen zu gewinnen. „Sie haben oft andere Vorstellungen, die sich nicht mit unseren decken“, sagte Patrick Lunet. Allerdings sei die jüngere Generation an die Spitze des Komitees gerückt und wolle neue Ideen umsetzen. „Ich kann Sie nur ermutigen, dies zu tun, um den Austausch weiter zu vertiefen und auszubauen“, schloss er seine auf Deutsch gehaltene Rede.

„Wir haben neue Freundschaften geschlossen, alte vertieft und viel gelacht“, blickte Birgit Wankmüller auf die vergangenen Tage zurück. Die Zeit in Frankreich fasste sie unter dem Beifall der Anwesenden mit einem Zitat des Gerabronner Altbürgermeisters Dieter Rometsch zusammen: „Es lebe Nouan, es lebe Gerabronn, es lebe das vereinte Europa!“ Mathilde Blanc gab bereits einen Ausblick auf das nächste Treffen in Frankreich, bei dem 2026 das 60-jährige Bestehen der Partnerschaft gefeiert werden soll: „Bis dahin müssen wir weiter daran arbeiten, dass noch mehr junge Menschen dazukommen.“ Wie ähnlich die beiden Komitees denken, zeigten ihre Gastgeschenke: landestypische Spezialitäten sollen die Arbeitstreffen zur Vorbereitung des nächsten Treffens erleichtern.

Die Stimmung beim anschließenden Gala-Dinner war so ausgelassen, das Essen so gut und die Musik so anregend, dass viele die Zeit vergaßen. Beim Abschied am nächsten Tag gab es nicht nur deshalb zum Teil lange Gesichter – auch der bevorstehende Abschied ging manchem ans Herz. Aber das nächste Wiedersehen ist garantiert: Pfingsten 2025 in Gerabronn. th

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