Mit dem Opa auf der Piste

Dieter Hirsch und seine Enkel flitzen bei Seifenkistenrennen mit 50 Sachen über den Asphalt

Die ganze Familie ist dabei, wenn Dieter Hirsch mit seiner Seifenkiste durchs Ziel fährt. Der 74-jährige Kirchberger erzählt, wie ihn seine Enkel für dieses Hobby begeistert haben. Er verrät, warum er das Tempo mit Hilfe von Benzin steigern kann, obwohl das Gefährt gar keinen Motor hat.

Familienalben sind prallvoll mit Erinnerungen an schöne Stunden. Ein solches besitzen auch Dieter Hirsch und seine Frau. Vorsichtig öffnet der Kirchberger das lindgrüne Buch. Hier ist die Ecke leicht geknickt, dort hat sich eins der transparenten Pergaminblätter gelöst. Beides sichere Zeichen für häufigen Gebrauch. Besonders stolz ist Dieter Hirsch auf die Fotos, die ein hellhölzernes Fahrzeug zeigen. „Wir bauen eine Seifenkiste – und Opa ist immer dabei“, steht dort handschriftlich in großen Buchstaben.
Der Schwiegersohn wollte das Vorhaben mit seinen beiden Teenagern umsetzen. „Nur wenn der Opa mitmacht“, lautete deren Bedingung. „Man muss dafür ein bisschen handwerklich begabt sein“, lacht Dieter Hirsch, gelernter Mechaniker. „Deshalb haben sie mich angeheuert.“ Wie es sich im Rennsport gehört, hielten die vier eine Teamsitzung ab. „Bauen wir alles selbst oder kaufen wir einen Bausatz?“, lautete die große Frage. Sie entschieden sich für letzteres, da die Enkel über eine Stunde von Kirchberg entfernt wohnen. „Sonst wäre es zu aufwändig geworden und ich hätte ständig hin- und herpendeln müssen“, begründet der Opa. Das Holz schnitten sie nach ihren eigenen Wünschen zurecht. Dieter Hirsch deutet auf eine Fotoserie: Die Karosserie nimmt Stück für Stück Gestalt an. Umgeben von Bauplan, Leim und Bohrschrauber passt der Rentner die Oberseite ein. Ein pillenförmiges Loch markiert das Cockpit. „Am Wichtigsten sind die lenkbare Vorderachse und die Bremse aus Metall“, konstatiert Hirsch. Die Bremse lässt sich über ein Pedal auslösen.
2015 war das knapp ein Zentner schwere Fahrzeug startklar und die Enkel nahmen am ersten Rennen teil. Dieter Hirsch feierte seine Premiere vier Jahre später in Berghülen, im Alb-Donau-Kreis. „Da gab es ein Gaudirennen, bei dem jeder mitmachen konnte“, erzählt er. Nervös sei er kein bisschen gewesen. „Ich war in meiner Klasse der einzige, deshalb war ich Sieger.“ Drei seiner Enkel im Alter von elf bis 16 Jahren nahmen ebenfalls teil, im gleichen Gefährt, aber in anderen Klassen.
„Ganz ungefährlich ist es nicht, in der Seifenkiste mit 50 Sachen den Berg hinunter zu rauschen“, gesteht Hirsch, gibt aber gleich Entwarnung: „Als wir dabei waren, ist nie etwas passiert.“ Helm, Überrollbügel und Gurt sorgen für Sicherheit. Strohballen begrenzen die Strecken, die mal kurviger, mal steiler sind. „Die Steigung liegt zwischen vier und sieben Prozent“, schätzt er.
Robert Brandelik, Vorsitzender des Seifenkistenverbandes Baden-Württemberg weiß: „In einer ungefederten Holzkiste fühlen sich
50 Stundenkilometer an, wie 200 mit dem Auto.“ Das sieht Hirsch genauso. Auf dem Gebiet kennt er sich aus, denn als Verkäufer fuhr er 44 Jahre durch die Straßen Europas. „Da sind vier bis fünf Millionen Kilometer zusammengekommen“, hat er ausgerechnet.
Bei den Seifenkistenrennen beobachtet er die anderen Fahrer mit Argusaugen, um zu entschlüsseln, wo auf der Strecke die Ideallinie verläuft. „Es geht da um Zehntel Sekunden.“ Dieter Hirsch hat große Freude am Fahren im selbstgebastelten Fahrzeug und liebt den Adrenalinkick. Bei den Rennen herrscht eine besondere Atmosphäre. Seine ganze Familie kommt zusammen und das genießt der Senior. „Wir sind zwölf Leute“, sagt er glücklich lächelnd.
Die Seifenkiste optimieren er und seine Enkel gemeinsam immer weiter und tüfteln an neuen Finessen. Eine Geheimzutat ist Benzin: „Man kann die Kugellager damit auswaschen“, verrät Hirsch. Dann drehen sich die Gummiräder noch schneller.
Laut Verband begann die Geschichte der Seifenkiste 1904 in Oberursel mit einem Kinderautomobilrennen. Rund 30 Jahre später löste die Werbeaktion einer Seifenfabrik in den USA einen Hype aus: Auf die Verpackungskisten war der Umriss eines kleinen Automobils gedruckt, als Grundlage zum Selbstbauen. So kam es zum Namen „Soapbox“ – „Seifenkiste“. Durch die US-amerikanischen Besatzer soll die Welle nach dem Zweiten Weltkrieg auf Deutschland übergeschwappt sein. Bis heute hat sich eine Fangemeinde etabliert. Robert Brandelik vom Seifenkistenverband vermutet, dass es 500 aktive Fahrer in Baden-Württemberg und 2000 in ganz Deutschland gibt. Tendenz steigend. Schulen und Firmen hätten die Seifenkisten für sich entdeckt. Es gebe auch Städte, die Rennen veranstalten, wie Schwäbisch Gmünd und Holzgerlingen. Das Gros der Fahrer
sei zwischen sieben und 14 Jahre alt. Verschiedenste Materialien kämen für den Bau zum Einsatz: von Holz über Streckmetall bis hin zur Glasfaser.
Dieter Hirschs Enkel hatten schon lange geplant, die familieneigene Seifenkiste anzumalen. Kürzlich war es soweit. Jetzt leuchtet sie in den Porschefarben schwarz und rot. Leider hat Corona die Rennen erst einmal ausgebremst. Bleibt zu hoffen, dass 2021 wieder das Startsignal ertönt. Dann gibt es sicher wieder viele frische Bilder für das Fotoalbum der Familie Hirsch. sab

Das Fahrzeug zu bauen macht Dieter Hirsch und seinen Enkeln mindestens genauso viel Spaß, wie darin zu sitzen.

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