Ebbes aus Hohenlohe
Sich einem ungewöhnlichen Buch nähern

Sich einem ungewöhnlichen Buch nähern

Ist der Roman „Die Heilige und ihr Narr“ von Agnes Günther noch lesenswert? Der Literaturwissenschaftler Dr. Rainer Moritz wirbt in Langenburg dafür.

„Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich die Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgendein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände.“ So lesen sich die ersten Sätze des im Jahr 1913 erschienenen Romans „Die Heilige und ihr Narr“ von Agnes Günther. Die Frau des Langenburger Dekans erlebte die Veröffentlichung allerdings nicht, da sie bereits 1911 starb. Das über 600 Seiten starke Buch gilt vielen Menschen als Inbegriff des Trivialen und Kitsches. Wie die ersten Sätze zeigen, ist der Text blumig ausgeschmückt und die Naturbeschreibungen sind überladen. Doch wenn der Roman wirklich so unlesenswert ist, warum wurde er dann bis heute 1,7 Millionen Mal verkauft, in unzählige Sprachen übersetzt und ist in der 144. Auflage immer noch lieferbar? Er gehört damit zu den kommerziell erfolgreichsten deutschen Büchern und hat bis heute eine große Fangemeinde.

Mit diesem Phänomen hat sich der Literaturwissenschaftler Dr. Rainer Moritz beschäftigt. Er wurde in Heilbronn geboren und hat über Hermann Lenz promoviert, der seine Kindheit in Künzelsau verbrachte und später oft in Langenburg Urlaub machte. So kam der Literaturkritiker mit Hohenlohe, Langenburg und dem berühmten Roman in Kontakt. Auf den Hinweis von Heide Ruopp, die sich ebenfalls mit ihrer Vor-Vor-Vor-Gängerin befasst, widmete er sich intensiver dem Bestseller. Daraus entstand das schmale Bändchen „Einladung, Agnes Günther zu lesen“.

Dr. Rainer Moritz nahm sich das Werk noch einmal kritisch vor: „Ich wollte dabei aber neutral herangehen.“ Nach oberflächlichem Lesen wirke der Roman wie Kitsch. Es sei ein klassischer Trivialroman mit Liebesgeschichte, „die aber nicht gut ausgeht und ein furchtbares Ende nimmt“. In dieser Hinsicht ist das Buch erst einmal ungewöhnlich. In dem Handlungsstrang – die Autorin ist „Frau Dekan“ – spielen religiöse Komponenten eine große Rolle. „Am Ende sind beide Hauptpersonen in Gott vereint.“ Man könne „Die Heilige und ihr Narr“ laut dem Literaturfachmann auch als Heimatroman, „als schönen Hohenlohe-Roman“, lesen. „Er ist durchaus gut gemacht.“

Allerdings sei das über 600 Seiten starke Buch mit kleinem Schriftbild ein „Ungetüm, ein Solitär in der deutschen Literaturgeschichte“. Dr. Rainer Moritz berichtet, dass Agnes Günther den Text „wie in Trance geschrieben und ihre Seele ausgeschüttet“ habe. Er beruft sich dabei auf Briefe der Autorin. Sie habe einfach losgeschrieben und dabei alte Langenburger Geschichten verarbeitet. In dem Text wendet sich die Frau vom Lande gegen den am Ende des Kaiserreichs in Berlin vorherrschenden Materialismus, der böse sei und von Gott wegführe. „Das alles hat sie sich von Herzen geschrieben.“ Für viele, vor allem für Leserinnen, war und ist das sehr anregend. Aus diesem Grund entstanden nach Meinung des Literaturwissenschaftlers auch insgesamt drei „unsägliche“ Verfilmungen: 1928, 1935 und die schlimmste 1957.

„Früher waren die Kritiker sehr schnell mit ihrem Urteil: alles Kitsch“, resümiert Dr. Rainer Moritz über seine Kollegen. Der Roman habe zweifellos eine literarische Ebene, gleite dann aber durch die opulenten Naturbeschreibungen ab. „Die sind zu viel des Guten“, findet er. Zusammen mit dem religiösen Hintergrund kenne er „keinen zweiten Roman, der so viele Elemente miteinander vermischt“.

Getreu dem Goethe-Zitat „Wer den Dichter will verstehen, / Muss in Dichters Lande gehen“ lohne es sich, Agnes Günther in Lagenburg zu nähern, meint der Literaturwissenschaftler. Die Autorin lebte 15 Jahre dort. Die Landschaft prägte ihre Denk- und Erzählweise. „Es hat für Menschen einen besonderen Reiz, sich mit Schriftstellern dort zu beschäftigen, wo sie arbeiteten“, erklärt der Literaturkritiker. Aus diesem Grund wird er seine Thesen, warum man Agnes Günther gerade jetzt lesen sollte, im Rahmen der Langenburger Sommerlese am 19. Juli 2026 in Langenburg, an einem der Originalschauplätze, vorstellen. th

Zur Info:

Am Sonntag, 19. Juli 2026, trifft der Literaturwissenschaftler Dr. Rainer Moritz um 17 Uhr entweder im Waldhaus (es besteht ein Fahrdienst ab dem Parkplatz Tränkbuck) oder bei Regen in der Stadtkirche auf die Autorin Agnes Günther. Eine vorherige Anmeldung per E-Mail an ruopp-langenburg@gmx.de ist daher unbedingt erforderlich. Je nach Witterung wird informiert, wo die Veranstaltung stattfindet.

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