Ebbes aus Hohenlohe
Starke Bindung zu eigenen Wurzeln

Starke Bindung zu eigenen Wurzeln

Vor über 200 Jahren wanderten die ersten Metzgergesellen aus Hohenlohe vor allem nach England aus. Nun besuchen ihre Nachkommen die Heimat ihrer Vorfahren, um die Gegend kennenzulernen.

47 Menschen, vorwiegend aus England, aber auch aus Wales, Schottland, Irland, Belgien und Italien, stehen beeindruckt vor der Ostfassade des Langenburger Schlosses. Sie sind Nachfahren von Metzgergesellen, die Hohenlohe ab 1790 verlassen haben, um in anderen Ländern ihr Glück zu suchen.

Vor zwanzig Jahren fand Karl-Heinz Wüstner eher durch Zufall heraus, dass viele Auswanderer Angehörige von Metzgerfamilien waren. Der Ilshofener Heimatforscher stellte weitere Recherchen an und kam auf eine deutsche evangelische Gemeinde im nordenglischen Bradford. Im dortigen Archiv stieß er ebenfalls auf viele deutschstämmige Metzger, die sich in der Gegend niedergelassen hatten. Nach einem sehr gut besuchten Vortrag in der Kirche meldeten sich zahlreiche Interessierte, die das Land ihrer Vorfahren kennenlernen wollten. So organisierte er gemeinsam mit dem Reiseservice Vogt im Jahr 2014 das erste Treffen in Hohenlohe. In diesem Jahr reisten bereits zum siebten Mal die Nachkommen nach Deutschland.

Mit der Industrialisierung Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich auch die Ernährung der britischen Bevölkerung. Eine besondere Rolle spielten dabei deutsche Einwanderer aus Hohenlohe, die als Schweinemetzger nach Großbritannien kamen. Sie verbanden Metzgereien mit Imbissen und Gastwirtschaften und boten eine für die damalige Zeit ungewöhnlich große Auswahl an Schweinefleischprodukten sowie warme, preiswerte Mahlzeiten, die auch zum Mitnehmen erhältlich waren. Damit trafen sie genau den Bedarf der wachsenden Arbeiterschaft in den Industriezentren. Die eingewanderten Metzger wurden zu Vorreitern einer neuen Lebensmittelversorgung und prägten neue Ess- und Verzehrgewohnheiten in diesen Teilen des Landes. Der Erfolg sprach sich herum und zog weitere deutsche Verwandte und Bekannte auf die Insel. Um ihr Geschäftsmodell vor der Konkurrenz zu schützen, heirateten sie zum Teil auch untereinander – so entstanden regelrechte deutsche Metzgerdynastien.

Für die diesjährige, fünftägige Reise organisierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Anreise individuell. Gleich zu Beginn stand Langenburg auf dem Programm. Nach einem kleinen Spaziergang durch den Ort empfing Bürgermeisterin Petra Weber die Gäste. Auf dem Weg ins Schloss wies die Vorsitzende des Geschichts- und Kulturvereins, Heide Ruopp, auf einzelne Häuser und Gepflogenheiten hin und gab dabei auch gleich eine Einführung in die Hohenloher Sprache: „Das ‚le‘ am Ende eines Wortes verkleinert oder verniedlicht es.“ Im Schlosshof begrüßte Fürstin Irma zu Hohenlohe-Langenburg die Besucherinnen und Besucher mit den Worten: „Willkommen zurück im Land Ihrer Vorfahren.“ Sie wies darauf hin, dass, obwohl Generationen vergangen sind, die Verbindung zu den eigenen Wurzeln bemerkenswert stark bleiben könne. „Ihre Anwesenheit erinnert uns daran, dass Geschichte nicht nur etwas ist, das man in Büchern und Archiven findet. Geschichte lebt weiter in Familien, in Erinnerungen und vor allem in den Menschen, die diese Verbindungen aufrechterhalten“, betonte die Fürstin.

„Möge Ihr Besuch voller bedeutungsvoller Begegnungen, wunderbarer Entdeckungen und vielleicht auch einiger Momente sein, in denen Sie das Gefühl haben, dass die Distanz zwischen den Generationen plötzlich ein wenig kleiner geworden ist.“

Bei einer anschließenden Führung durch das Schloss konnten die Nachfahren der Auswanderer sich ein Bild vom Leben in einer fürstlichen Residenz machen.

Die Vorfahren von Philip Paine stammten aus Niederstetten. Sie gehörten zur Metzgersfamilie Schumm und waren einige der ersten Auswanderer, die es nach England zog. In Bath im Südwesten der Insel waren sie sehr erfolgreich tätig. Er bestätigte, dass die Auswanderer nicht, wie es später der Fall war, aus purer Not das Land verließen, sondern als etablierte Metzger, die in England eine wirtschaftliche Chance sahen. „Nachdem ich die Wurzeln der Familie erforscht hatte, wollte ich die Gegend sehen, aus der meine Verwandten ursprünglich kamen“, fasste er sein Interesse in fast akzentfreiem Deutsch zusammen. Da einige Besucher schon zum wiederholten Mal in Hohenlohe sind, gibt es bereits Kontakte zu sehr weitläufigen Verwandten in der Region. Einige davon waren Teil der Reisegruppe.

Auf dem weiteren Programm standen die Autorin Agnes Günther und ihr berühmter Roman „Die Heilige und ihr Narr“, der in der Umgebung von Langenburg angesiedelt ist. Selbstverständlich spielten auch die vielen verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen dem englischen Königshaus und den Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg eine wichtige Rolle. Ebenfalls Teil des Programms waren die Wildpflanzenvermehrung Rieger-Hofmann, die Stadt Dinkelsbühl, die Gewächshäuser von Scherzer Gemüse und der Hof der Familie Plank. Nicht zu kurz kamen allerdings auch der gegenseitige Austausch bei hohenloischem Essen und Trinken und das Nachverfolgen der familiären Beziehungen. th

Bild: Die Nachfahren deutscher Auswanderer nach England wurden im Hof des Langenburger Schlosses durch Fürstin Irma zu Hohenlohe-Langenburg (links im gestreiften Kleid) herzlich begrüßt.

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