Ein Tandem fürs Leben

Elisabeth und Helmut Küßner radeln im Gleichtakt

Beim Radfahren lernt man ein Land am besten kennen“, wusste schon Ernest Hemingway, „weil man dessen Hügel empor schwitzt und sie dann wieder hinuntersaust.“ Knapp 80 Prozent der Deutschen nutzen das Fahrrad als Verkehrsmittel oder in ihrer Freizeit. Auch Elisabeth (84) und Helmut Küßner (86) lieben es, in die Pedale zu treten – aber auf etwas andere Art.

Mit dem Tandem hat das Ehepaar aus Kirchberg an der Jagst in den letzten 40 Jahren zahlreiche Touren gemeistert. Sie kennen die Schätze der Region wie ihre Gepäckträgertasche: „Am Ortsausgang von Diembot gibt es ein Bänkle mit einem zauberhaft schönen Ausblick“, sagt Helmut Küßner. Manchmal fahren sie nach Lobenhausen, setzen sich an die Jagst und gucken den Fischen zu.
Versandhändler Neckermann machte ihr Hobby erst möglich. „Meine Frau fuhr noch nie gerne Rad, ich aber schon“, schildert Helmut Küßner. Da entdeckte er im Katalog ein günstiges Tandem. Der Gattin sagte er nichts. „I hann’s oifach bestellt“, lacht der gebürtige Schwabe. Ihre erste Reaktion auf das Gefährt: „Da sitze ich nie drauf!“ Helmut Küßner erzählt: „Dann wollte sie gar nicht mehr runter.“
Mit dem Doppelrad umrundeten sie mehrfach den Altmühlsee und genossen die ebene Strecke. Bis vor drei Jahren fuhren sie auch gerne mal ins Gebirge nach Tirol oder ins Tannheimer Tal. „Bergab überholen wir mit dem Tandem alle“, schmunzelt der pensionierte Religionslehrer, der 19 Jahre lang Pfarrer war. Dass der Vordermann im Fachjargon „Kapitän“ heißt und der Mitfahrer „Stoker“, interessiert ihn wenig. Er sagt: „Der sitzt Turbo hinten“ – und meint damit seine Frau. Es gibt einen Witz, den Tandem-Kapitäne häufig hören: Passanten rufen ihnen zu, der Stoker mache hinten Pause und trete nicht in die Pedale. Die Küßners kennen ihn. „Das ist Quatsch“, sagt Helmut Küßner. „Die Pedale sind synchronisiert, deshalb spüre ich genau, was meine Frau macht.“ Früher schnallten sie das Gefährt zum Transportieren aufs Autodach. Inzwischen besitzen die Eheleute einen Kastenwagen, in den das Tandem perfekt hineinpasst. Ihr drittes und heutiges Tandem hat einen batteriebetriebenen Motor, der sie beim Fahren unterstützt. „Das ist ein richtiges Seniorending und teurer als mein Auto“, verrät Helmut Küßner.
Viele Flüsse sind sie entlang gefahren. Besonders gefiel es ihnen an der Wörnitz, die bei Schillingsfürst entspringt. Rhein, Main, Iller, Jagst, Kocher und Tauber zählen ebenfalls zu ihrer „Sammlung“. Mit dem Tandem eroberten sie das Nördlinger Ries, wo vor 15 Millionen Jahren ein Asteroid einschlug und einen Krater von rund 25 Kilometern Durchmesser schuf. „Das ist eine wunderbare Kulturlandschaft. Hier gibt es herrliche Kirchen und Schlösser“, weiß Küßner. Aber am Schönsten sei es ringsum Kirchberg.
Ob Tandemfahren schwieriger ist als Fahrradfahren? Diese Frage beantwortet Helmut Küßner mit einem Lächeln: „Kommt drauf an, wen man hinten drauf hat.“ Ihre drei Kinder hätten es immer wieder erfolglos probiert. Es gab auch Leute, die es ausgeliehen haben. „Die sind net ganz damit zu Streich gekommen. Die henn’s nur oimol g‘wellt“, schmunzelt Helmut Küßner. Beim Tandemfahren gebe es eine wichtige Voraussetzung: „Man muss sich einig sein.“ Die Küßners sind seit fast sechs Jahrzehnten verheiratet. „Da kommt man in Balance“, sagt er. Noch immer fahren sie täglich bis zu zehn Kilometer. Aber nur, wenn das Thermometer mindestens zwölf Grad anzeigt. Manchmal geht ihnen die Puste aus. Einmal so sehr, dass sich Helmut Küßner auf den Waldboden legen musste und seine Frau den Arzt rief. Auch während der Fahrt schlossen sie mit dem Boden öfters Bekanntschaft. „Beim Abbiegen kann man schon mal ins Rutschen kommen“, erzählt er. „Der Donauradweg hat ganz schlechte Wiesenwege. Bei Straubing hat’s uns hin und wieder runtergehauen.“
Früher fuhren sie ganztägig. Heute sind sie eine Stunde am Stück unterwegs – bis zum nächsten „Bänkle“. Mit seiner Ehefrau fährt Helmut Küßner Tandem durch die Höhen und Tiefen des Lebens. „Wenn man so jemanden gefunden hat, dann ist das Glück vollkommen“, sagt er und zitiert seinen Lieblingsvers aus dem 23. Psalm, der gut zum Hobby passt: „Er führet mich auf rechter Straße.“ sab

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