Ebbes aus Hohenlohe
Natürlichen Kreislauf durchbrechen

Natürlichen Kreislauf durchbrechen

Betriebsnachfolger suchen nach zusätzlichen, nachhaltigen Standbeinen für ihren Hof. In Seibotenberg wird eine Pyrolyse-Anlage errichtet, die wertvolle Pflanzenkohle produziert.

Viele Menschen kennen die Pyrolyse-Funktion ihres Backofens: Bei hohen Temperaturen werden Schmutz und Fett zu Asche verbrannt, die sich anschließend leicht abwischen lässt. Dieses Prinzip wollen sich Timo und Marco Brück in Gerabronn-Seibotenberg zunutze machen. Unter Sauerstoffabschluss wird Holz in einem Kessel verkohlt. Bei dieser nicht vollständigen Verbrennung entsteht Pflanzenkohle, die als Speicher von Kohlendioxid (CO₂) gilt.

Im November 2023 entdeckten die Brüder auf der Agritechnica-Messe das Verfahren und waren sofort Feuer und Flamme. „Wir wollten den elterlichen Hof übernehmen und suchten nach einem weiteren Standbein, das zu uns passt“, erklärt Timo Brück. „Das Konzept der Kreislaufwirtschaft bei Pyrolyseanlagen hat uns gleich zugesagt“, ergänzt Marco Brück.

In einer abgeschlossenen Anlage werden Hackschnitzel entzündet. Danach brennt das Material selbstständig. Über Turbinen wird Luft in den Pyrolysekessel geblasen, wodurch der Prozess gesteuert wird. Die Temperatur steigt dabei von anfangs 650 Grad auf bis zu 900 Grad. Nach knapp drei Stunden ist der Zyklus beendet und die Pflanzenkohle kann entnommen werden.

„Wir heizen auf unserem Hof schon heute mit Hackschnitzeln und das Rohmaterial können wir in der Umgebung beschaffen“, beschreibt Timo Brück die Überlegungen. „So vermeiden wir einen längeren Transport.“ Neben der Wärme, die für die Beheizung der Wohnhäuser und der Ställe genutzt werden kann, bleibt vor allem die Pflanzenkohle übrig. „Das Material hat eine große Oberfläche, es kann Wasser und Nährstoffe speichern und diese langsam wieder abgeben“, erläutert Marco Brück die Vorteile des Materials. Sie kann der Gülle beigemischt und auf den Feldern ausgebracht werden, wo sie den Boden verbessert. Aber auch in der Tierfütterung wird sie als Futtermittelzusatz genutzt. Weitere Einsatzmöglichkeiten, ähnlich wie bei Aktivkohle, sind als Filterstoff denkbar. So können die „Carbon Brothers“, wie sie ihre Firma genannt haben, einen Teil der gewonnenen Kohle in ihrem eigenen Betrieb nutzen, den Rest verkaufen sie. Auch CO2-Zertifikate könnten eine Rolle spielen.

„Das CO₂ aus der Luft wird in den Pflanzen gebunden. Beim Verbrennen wird es wieder freigesetzt, was die Erderwärmung verstärkt. Ein Teil wird von neu wachsenden Pflanzen wieder aufgenommen“, veranschaulicht Marco Brück den Kreislauf der Natur. „Durch die Produktion von Pflanzenkohle durchbrechen wir diesen Ablauf und binden das CO₂ langfristig im Boden, wodurch sich die Bodenqualität deutlich verbessern soll – es entsteht eine CO₂-Senke.“ Fachleute gehen davon aus, dass das Gas so mindestens 2000 Jahre gespeichert wird. Dies lässt sich in alten, von Menschen in Südamerika genutzten Böden nachweisen („Terra preta“).

Das Vorhaben, das die Brüder in Seibotenberg umsetzen wollen, ist eine Ergänzung zu ihrem bestehenden Betrieb: Bisher setzen sie auf Jungsauenvermehrung mit rund 250 Muttersauen. Die männlichen Ferkel werden an einen Mäster verkauft, die weiblichen Tiere als deckfähige Jungsauen an Ferkelerzeuger. Zusätzlich gibt es eine Fotovoltaikanlage auf den Dächern der Ställe und der Maschinenhalle. Die geplante Pyrolyseanlage füge sich da sehr gut ein, finden sie. Die Idee hat sogar das Landwirtschaftsministerium in Stuttgart beeindruckt, sodass die Carbon Brothers in die Förderlinie „Spitze auf dem Land“ aufgenommen wurden. In der Laudatio hieß es: „Das Unternehmen hat mit Innovationskraft und Kompetenz überzeugt.“

Was so einleuchtend klingt, hat jedoch einen großen Haken: die deutsche Bürokratie und die damit verbundenen Genehmigungsverfahren. Bereits kurz nach der Idee Ende 2023 nahmen die Brüder Kontakt zur Stadtverwaltung, zum Baurechtsamt, zum Landwirtschaftsamt und zum Umweltamt auf. Sie wollten so früh wie möglich alle Beteiligten informieren und ihre Idee offen und transparent kommunizieren. Es folgten weitere Gespräche mit dem Regierungspräsidium, dem Baurechtsamt, dem Kreisplanungsamt, dem Immissionsschutz, der Gewerbeaufsicht und dem Anlagenhersteller. Es wurden Gutachten eingeholt und die Unbedenklichkeit des Vorhabens festgestellt. Allerdings ist das Konzept in der Landwirtschaft so neu, dass sich das Genehmigungsverfahren hinzog. Neben der Pyrolyse-Anlage sollte auch ein weiteres Wohnhaus entstehen. Hintergrund: Im Außenbereich eines Ortes dürfen nur Bauten genehmigt werden, die der Landwirtschaft dienen. Neben Ställen und Scheunen sind das maximal drei Wohneinheiten. Sie sind mit dem elterlichen Haus und einer weiteren Betriebsleiterwohnung bereits ausgereizt. Da die Familie Brück ein weiteres Haus plant und die Pyrolyseanlage als gewerblich angesehen wird, musste ein vorhabenbezogener Bebauungsplan erstellt werden.

Um die Nachbarn mitzunehmen, informierten die Brüder die Bürgerinnen und Bürger in Seibotenberg sowie den Ortschaftsrat in Michelbach und den Gemeinderat in Gerabronn. Die geplante Investition stieß auf Wohlwollen, sodass der Bebauungsplan auf einem guten Weg ist. „Wir befinden uns auf der Zielgeraden“, ist Timo Brück überzeugt. Im Sommer soll der Bebauungsplan genehmigt werden. Die Pläne für die Hallen und Anlagen könnten im Herbst folgen. „Anfang 2027 würden wir dann mit dem Bauen beginnen“, sind die beiden überzeugt.

„Transparenz ist uns sehr wichtig“, betonen die Vollerwerbslandwirte. „Unsere Ställe sind nicht einsehbar und verschlossen.“ Dadurch würden sie unter Generalverdacht gestellt: „Also muss darin wohl etwas Schlimmes passieren, was man nicht sehen soll.“ Timo Brück betont jedoch, dass es genau andersherum ist: „Wir schützen unsere Tiere vor den Einflüssen von außen, vor allem vor Krankheiten, die eingeschleppt werden können. Das ist für unseren Zuchtbetrieb existenziell.“ Darum wollen sie bei ihrer Pyrolyseanlage so offen wie möglich agieren. th

Bild: Marco (links) und Timo Brück planen südlich ihres Betriebs in Seibotenberg den Bau einer Pyrolyseanlage, mit der sie Pflanzenkohle herstellen möchten.

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