An der Schrozberger Schule lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam. Zusammen bilden sie den Zirkus „Das fliegende Klassenzimmer“. So erleben alle sich als wichtigen Teil der Gesellschaft.
Chaotisch rennen die Kinder durch die Halle. Es ist laut. Hier ruft eine Schülerin nach der Lehrerin, dort macht ein Schüler auf sich aufmerksam, weil ihm seine Akrobatiknummer endlich gelungen ist. Überall wird probiert, geübt und mit den Geräten gearbeitet. Jeden Mittwochmorgen treffen sich rund 20 Kinder und Jugendliche auf der Bühne der Stadthalle in Schrozberg zu einem ganz besonderen Unterricht.
Sonderpädagogin Carmen Scholz hat diese Idee von der Erich-Kästner-Schule (EKS) in Blaufelden mitgebracht. An der Förderschule konnten die Kinder im Zirkus „Das fliegende Klassenzimmer“ ihre besonderen Fähigkeiten zeigen. Rund 30 Schülerinnen und Schüler aus Blaufelden werden jetzt in Schrozberg in Regelklassen unterrichtet. Die Eltern wählten selbst, an welche Schule ihre Kinder gehen.
Die Idee der Inklusion besteht darin, Kindern mit diagnostiziertem sonderpädagogischem Förderbedarf eine gleichberechtigte Teilhabe am Regelschulsystem zu ermöglichen. In Schrozberg stehen dafür eine Sonderpädagogin und zwei Regelschullehrerinnen mit Zusatzqualifikation zur Verfügung. Ein Teil der Schulzeit verbringen alle Kinder gemeinsam in der Klasse und lernen nach dem regulären Bildungsplan. Die Schüler mit Unterstützungsbedarf erhalten zusätzlich eine gezielte, individuelle Begleitung. Zum Teil besuchen sie auch separaten Unterricht, um die Lernziele zu erreichen. „Während wir in Blaufelden etwas freier in der Unterrichtsgestaltung sein konnten, sind wir in Schrozberg eher in den starren Stundenplan eingebunden“, erklärt Carmen Scholz.
Anfangs nahmen nur Kinder mit Förderbedarf und aus der Vorbereitungsklasse am Zirkus-Training teil. Inzwischen kommen auch Kinder aus der Regelklasse. „Sie sind überwiegend aus der 6. Jahrgangsstufe.“ Hinzu kommen die Kinder aus der Vorbereitungsklasse (VKL). In dieser Klasse sind Schülerinnen und Schüler der Stufen 5 bis 9, die neu in Deutschland sind. Zunächst lernen sie die Sprache, bevor sie in die regulären Klassen wechseln können.
In der regulären Übungsstunde können sich die Kinder zunächst ausprobieren. Es stehen und liegen Pois, Diabolos, drehende Teller, Rola-Bretter, Devil-Sticks, Einräder, verschiedene andere Fahrräder, Hula-Hoop-Reifen, bunte Tücher, Jonglierbälle und große Laufbälle bereit. Je nach Mut und Gleichgewichtsgefühl sagt das eine oder das andere Gerät zu. Mit der Zeit bekommen sie mehr Routine und Sicherheit und entwickeln so „ihre“ Zirkusnummer. „Die Kinder lernen voneinander und helfen sich gegenseitig“, beschreibt Carmen Scholz die Stimmung. „Es zeigt sich: Jedes Kind hat seine Stärken, die sich von den anderen unterscheiden.“ Rita Anklam, ehemalige Lehrerin an der EKS und schon seit einigen Jahren im Ruhestand, unterstützt die Schülerinnen und Schüler. „Man kann gut sehen, wer aus der Blaufeldener Schule kommt.“ Sie beherrschen verschiedene Disziplinen ähnlich gut und sind versierter. „An der EKS war der Zirkus von der ersten Klasse an mehrmals die Woche Bestandteil des Unterrichts“, erzählt die ehemalige Pädagogin.
Dies entspricht auch dem Grundgedanken der Inklusion: Im Schulalltag steht das gegenseitige Kennenlernen, Verstehen und Akzeptieren von Schülern mit und ohne Förderbedarf im Vordergrund. Um diese Vorgaben leichter umsetzen zu können, soll es verschiedene Kooperationsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb des Unterrichts geben.
Die Kinder und Jugendlichen sollen so die Möglichkeit erhalten, ihre Fähigkeiten auch anderen zu zeigen. Dazu tritt der Zirkus „Das Fliegende Klassenzimmer“ mehrmals im Jahr vor allem in Seniorenheimen oder bei Schulfesten auf. Zusammen mit einer Drehorgel, die für echte Zirkusstimmung sorgt, zeigen die Schülerinnen und Schüler das Gelernte. Sie erhalten so die Bestätigung, dass sie etwas erreichen können, wenn sie nur üben und es wirklich wollen. Als Höhepunkt tritt ein Schüler als Zauberer auf und verwandelt mithilfe des Publikums beispielsweise drei bunte Tücher in eine lange, verknotete Kette. Er trainiert separat, damit die anderen Kinder die Tricks nicht herausfinden und die Faszination erhalten bleibt.
„Unser Zirkus ist ein tolles Konzept, um den Gedanken der Inklusion umzusetzen“, betont Carmen Scholz. „Die Kinder profitieren voneinander und lernen, sich so zu nehmen, wie sie sind.“ Das gegenseitige Hänseln wird dadurch reduziert. „Doch manchmal ist es schwierig, die Angebote im Schulalltag zu integrieren.“ Es fehle die Zeit und oft auch das Personal. In den letzten drei Jahren habe sich an der Schule Schrozberg jedoch ein festes Inklusionsteam aus einer Sonderschullehrerin und zwei Regelschullehrerinnen mit Zusatzqualifikation formiert. Im laufenden Schuljahr kommen noch einmal zwei weitere Kolleginnen hinzu. Die fünf Pädagoginnen können sich in der Schule zusammen mit den anderen Lehrern um Kinder mit einem Förderbescheid kümmern. th

