Geistergeschichten wurden in Hohenlohe von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Film aus den 1980er-Jahren hat einige davon gesammelt. Er ist in der Bächlinger Kelter zu sehen.
Langgezogene, sphärische Klänge ertönen, während eine dunkle Gasse in Sicht kommt. Plötzlich taucht ein Mann im Havelok-Mantel auf, der an Sherlock Holmes erinnert. Mit einer Aktentasche läuft er durch das weihnachtlich geschmückte, dunkle Langenburg. Dann stellt er sich mit deutlich englischem Akzent vor: „Mein Name ist Tim Moores. Ich komme aus England, dem klassischen Land der Geistergeschichten.“ In der modernen Zeit (1980!) ist er auf der Suche nach Geschichten, die man sich in Hohenlohe immer noch erzählt. Im Gasthaus „Post“ findet er im schummrigen Licht eine Runde älterer Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend, die schon einiges gehört und sogar gesehen haben.
So beginnt der Film des damaligen Süddeutschen Rundfunks (SDR), einem der Vorläufer des SWR. Regisseur und Protagonist Tim Moores hat vor Ort recherchiert. Der Kreis erzählt, dass man den Raunächten, den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und dem Erscheinungsfest, früher magische Kräfte nachsagte. In dieser Zeit durften manche Dinge nicht getan werden. Außerdem gingen in dieser Zeit besonders häufig Geister um. Im Gegensatz zu Gespenstern, die immer sichtbar waren, wirken Geister eher im Verborgenen – ihre Aktivitäten sind aber häufig zu hören.
Unter anderem erzählen Karl Bauer (Nesselbach), Karl Frey (Nesselbach), Gustav Illig (Bächlingen), Marie Müller (Elpershofen), Ingaruth Schlauch (Bächlingen) und Post-Wirt Eugen Ziegler (Langenburg) Geschichten vom „Schwarz vom Kupferhof“, der sich an seinen Mägden vergriff. Oder vom Schloss Buchenbach, in dem es spukte, was der Schlossherr Johannes von Buttlar bei einem Besuch vor Ort bestätigte. Auch die „Weiße Frau“ von Schloss Stetten wird erwähnt. Um welche ihrer Vorfahren es sich handelte, konnte Elida von Stetten, die aus einer Seitenlinie der heutigen Burgbewohner stammt, nur mutmaßen. Ebenso werden der Bielreiter mit dem Kopf unter dem Arm und das gelbgesichtige Raalmännle mit der großen Gürtelschnalle vom Hörensagen und aus eigener Anschauung beschrieben.
Der Film lässt die Menschen im breiten Hohenloher Dialekt ausführlich zu Wort kommen. Bei einer Vorführung außerhalb der Region wäre eine Untertitelung eigentlich erforderlich. Der eine Erzähler berichtet nur das, was er gehört hat. Ein anderer schildert in bildhafter Sprache ausführlich seine eigenen Erlebnisse. Die Frauen und Männer werden wertschätzend und authentisch in Szene gesetzt, sodass der Zuschauer zum faszinierten Zuhörer wird. In der Gastwirtschaft herrscht Zwielicht und es wird geraucht, wodurch den Geschichten eine zusätzliche mysteriöse Atmosphäre verliehen wird. Regisseur Tim Moores legt Wert auf unheimliche Bilder aus der Gegend: dunkle Wälder, verschneite Äcker und geheimnisvolle Burgen und Schlösser, die fast wie in Schwarz-Weiß gefilmt wirken. So erzeugt er mit den damaligen Mitteln und ohne makellose Computer-Effekte, sondern mit einem grobkörnigen Film und der entsprechenden düsteren Musik, eine beklemmende und unheilvolle Stimmung. Der SDR-Mann war damit außerhalb seiner sonstigen Stärken tätig. Seit Anfang der 1970er-Jahre betreute er die Sendung „Cartoon“ von Loriot. Tim Moores war auch an der Konzeption seines Spielfilms „Ödipussi“ beteiligt.
Vor einigen Jahrzehnten war der Glaube an Geister noch in der Bevölkerung präsent. Die Geschichten wurden von Generation zu Generation weitererzählt. Meist ähneln sie sich in den verschiedenen Regionen: So werden dem „Schwarz vom Kupferhof“ und dem „Schwarz von Orlach“ die gleichen ruchlosen Machenschaften nachgesagt. Die „Weiße Frau“ spukt nicht nur in Hohenlohe, sondern auch im Berliner Schloss der Hohenzollern. Sie alle, so die Überlieferungen, wollen oder müssen von ihrem Fluch erlöst werden. Während sich die Geistergeschichten aus der Vergangenheit heutzutage in übersinnliche Erscheinungen wandeln, werden die Ursachen durch die Wissenschaft meist gleich erklärt: Der Glaube an Geister entstehe vor allem durch eine Mischung aus fehlinterpretierten Sinneswahrnehmungen, evolutionär bedingten Schutzmechanismen und dem psychologischen Bedürfnis nach Trost oder Kontrolle. Unklare Sinneswahrnehmungen wie Schatten, im Wind wogende Vorhänge oder Risse in der Tapete werden vom menschlichen Gehirn sofort zu Gesichtern oder Gestalten uminterpretiert. Das half den Vorfahren, Feinde frühzeitig zu entdecken, führe heute aber zu Geistersichtungen und unerklärlichen Erscheinungen, erklären die Forscher. th
Foto: Heide Ruopp schaut sich den alten SWR-Film schon einmal vorab auf ihrem Laptop an.

