Arbeit, die Früchte trägt

Obstbäume richtig  schneiden: Luise Wirsching gibt Tipps.

Hochkonzentriert steht Luise Wirsching (72) an einem Februarvormittag auf ihrer Leiter. Mit der Baumschere zwickt sie Äste eines Kirschbaums ab. Der richtige Schnitt ist wichtig für dessen Tragfähigkeit und eine erfolgreiche Ernte. Die Spielbacherin vergleicht den Baum mit einem Kind: „Beide brauchen Liebe, Fürsorge, Erziehung und Pflege.“ Jährlich kümmert sie sich in der Region um zig Bäume.

Die Baumschnittexpertin lernte schon als junges Mädchen die Grundlagen dieses Handwerks: Ihr Vater war aus dem Krieg mit nur einem Bein zurückgekehrt und konnte auf keine Leiter mehr steigen. Bei der Pflege seiner geschätzten Obstbäume mussten ihm deshalb die beiden Töchter helfen und die Sprossen erklimmen. Der Vater leitete sie vom Boden aus fachmännisch an. „So bin ich zu der Liebe zu den Bäumen gekommen“, erinnert sich Luise Wirsching. Die ausgebildete Hauswirtschaftsmeisterin stieg immer tiefer in die Materie ein: Mit Freude half sie dem Heiligenbronner Dorfbaumwart Friedrich Höppel beim Schneiden der Flurbereinigungsbäume, las Bücher, besuchte unzählige Vorträge, Lehrgänge und Kurse von Obstbaumspezialisten. „Jeder macht es ein bisschen anders“, hat sie beobachtet und dadurch ihre eigenen Methoden immer weiter verfeinert. Auch heute noch lernt die rührige Hohenloherin gerne dazu. Während ihr Vater stets Ende März die Baumschere niederlegte, schneidet sie die Obstbäume bis sie blühen. Seit 35 Jahren packt Luise Wirsching ihr Werkzeug auch für Bäume von Freunden, Bekannten und Gemeinden aus. In dieser Zeit hat sie sich noch kein einziges Mal ernsthaft verletzt. „Weil ich nie ohne Gebet anfange“, verrät sie.
Wenn sie mit dem Auto durch die Gegend fährt, schaut die Fachfrau immer genau hin. Falls sie Bäume entdeckt, die Hilfe nötig haben, bietet Luise Wirsching manchmal spontan ihre Dienste an. „Mehr als die Hälfte schneide ich für umsonst“, erzählt sie. „Manchmal pflanzen die Leute Bäume und denken, die wachsen von allein und sie brauchen nur mit dem Körbchen zu kommen und die Früchte zu ernten.“ Ihnen sei nicht klar, dass sie die Bäume auch schneiden müssen. Und zwar schon im ersten Jahr. „Das kannst du sonst nicht mehr gut machen“, betont die erfahrene Baumschnittexpertin.
Fünf bis sieben Jahre lang sollten die Haupttriebe jährlich um ein Drittel eingekürzt und Konkurrenztriebe entfernt werden. Das nennt sich Erziehungsschnitt.
Sobald der Baum die gewünschte Form hat, müssen nur noch die Wasser- und Konkurrenztriebe entfernen werden. Manche Obstbaumarten brauchen eine individuelle Behandlung: Die Walnuss darf man auf keinen Fall im Frühjahr schneiden, sonst verliert sie ihre Säfte und blutet aus. Stattdessen wird sie ab etwa Mitte September ausgelichtet.
Im achten Lebensjahr trägt ein Obstbaum in der Regel Früchte. Ab dann ist es in Ordnung, mit dem Schneiden zwischendurch einmal ein Jahr zu pausieren. Fertig ist der Baum ungefähr im Alter von 15 Jahren, wenn ihm bis dahin jemand regelmäßig gepflegt hat. Übrigens: Bei Trockenheit ist es ratsam, ihn zu gießen. Das wirkt sich positiv auf den Ertrag aus.
Wer Bäume pflanzen will, bekommt von Luise Wirsching den Tipp, sich an eine nahe gelegene Baumschule zu wenden. Deren Sortiment ist an den hiesigen Boden und die Witterung angepasst. Der Käufer sollte auf Ästeverteilung, Stamm, Wurzelwerk und Gesundheit achten.
Beim Anpflanzen muss er zwischen den Bäumchen einen gewissen Abstand lassen: Die Kirsche braucht mindestens zwölf Meter, die Walnuss 15 Meter Platz.
Bei manchen Bäumen wie Kirsche und Birne ist es eventuell notwendig, zwei Sorten zu pflanzen. Sie können sich nicht selbst befruchten und benötigen die Pollen einer anderen Sorte. Die starken Wurzeln des erworbenen Bäumchens werden schräg eingekürzt. Mindestens eine dieser Wurzeln sowie ein kräftiger Ast sollten nach Westen zeigen. Auch der Stützpfahl kommt an die Westseite.
Luise Wirsching steht in ihrem privaten Baumgärtchen vor einem selbstgezogenen dreijährigen Zwetschgenbäumchen. Die Äste am Stamm hat sie mit der Baumschere von unten herauf bereits vollständig entfernt. Nur drei Seitenäste und der Mitteltrieb bleiben oben stehen. Das letzte Auge des Mitteltriebs sollte in westliche Richtung blicken. Die Seitenäste müssen in der Saftwaage sein, also auf einer Höhe, damit sie gleichberechtigt Nährstoffe ziehen können und in Balance bleiben.
Ganz wichtig ist laut Luise Wirsching das Formieren. „Auch ein Baum braucht ein Gesicht“, sagt sie und bindet eine Schnur wie eine Acht um die Seitenäste, um sie im 45-Grad-Winkel auszurichten. Jeder Baum ist anders und bringt bestimmte Voraussetzungen
mit, die Luise Wirsching bestmöglich unterstützen will. Sie steigt ins Auto und fährt zum Garten eines Bekannten. Unterwegs bremst die Spielbacherin und deutet auf einen älteren Apfelbaum, dessen Krone mit der Motorsäge radikal gestutzt wurde. „Das größte Verbrechen ist es, wenn die Leute den Bäumen die Köpfe absägen“, bedauert sie und zupft an ihrem roten Kopftuch.
Am Ziel angekommen, packt sie ihr Equipment aus: eine spezielle Obstbaum-Leiter mit zwei Stützen für festen Stand, eine grobe und eine feine Handsäge, einen Wetzstein sowie die Baumschere Felco 6, die sie wärmstens empfiehlt. „Wenn du die in die Hand nimmst, willst du keine andere mehr. Da kannst du deine ganzen Muswiesenscheren vergessen.“
An oberster Stelle steht für sie die Sicherheit: Beim Bäume schneiden sollte es niemals pressieren. „Lieber erst um sechs zu Haus, als um fünf im Krankenhaus“, reimt die vierfache Großmutter. „Immer mit Vorsicht und Bedacht, immer die Gefahr in acht.“ Sie macht sich ans Werk. Alle unter dem Ast abwärts gewachsenen Triebe zwickt sie ab. „Das würde nur Schattenobst geben, dem Baum Kraft nehmen und die Äste nach unten ziehen, wenn er Früchte trägt.“
Luise Wirsching wendet ein paar Tricks an, die sie gerne weitergibt – auch in Vorträgen. „Die stehen in keinem Buch“, merkt sie an. „Wenn ich einen Ast stutze, lasse ich über dem letzten Auge einen ein bis zwei Zentimeter langen Stumpen stehen. Dann trocknet das Auge im Sommer nicht aus und alles wächst so wie es soll.“ Den Stumpen schneidet sie im nächsten Frühjahr weg.
Zwischen Mai und Juli erledigt sie den Sommerriss. Dabei geht sie so vor: Sind die Wassertriebe streichholzlang, fährt Luise Wirsching mit der flachen Hand am Ast hinab, damit sie herausbrechen. So spart der Baum Kraft für die bedeutsameren Äste. Falls die Wassertriebe bereits zehn Zentimeter lang sind, packt die Baumschnittexpertin mit der Faust zu und zieht sie vorsichtig herunter.
Am heutigen Februartag ist der Frühjahrsschnitt dran. Luise Wirsching steigt auf ihre Leiter und zwickt Äste ab. Bei den stärkeren verwendet sie ihre Handsäge. Dabei können Wunden mit mehr als drei Zentimeter Durchmesser entstehen. Noch vor ein paar Jahren hätte sie diese mit sogenannter künstlicher Rinde verschlossen. „Das macht man heute nicht mehr. Denn wenn der Kunststoff im Sommer heiß wird, kriegt er Risse. Das Wasser kann hinein laufen und der Baum faulen.“ Stattdessen gräbt sie aus dem Boden einen Batzen feuchter Erde, formt ihn wie Knetmasse und streicht ihn auf die Wunde. Das hat drei Vorteile: Die Wunde ist verschlossen, kaum noch sichtbar und Pilze bleiben fern.
Luise Wirschings Blick streift die fertig geschnittenen Bäume. „Das ist meine Freude“, strahlt sie. Die Früchte ihrer Arbeit? Die ganze Familie kann frisches, ungespritztes Obst genießen. sab

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