Ebbes aus Hohenlohe

„Der Klöppel darf die Glocke nur küssen“

Bei der Burgkapelle St. Johannes in Kirchberg-Lobenhausen musste das Geläut saniert werden. Jetzt klingt das Kirchlein ganz anders.

„Der Ton ist viel leiser und sanfter“, ist einem Nachbarn sofort aufgefallen. Das war auch das Ziel der Glockensanierung: Über mechanische Änderungen und eine neue Motorsteuerung sollte das Geläut schonender erschallen. Pfarrerin Karin Nelius-Böhringer berichtet, dass Wartungstechniker festgestellt wurde, dass die Glocken durch einen zu harten Klöppel beschädigt wurden – sie bringen die Glocken erst zum Klingen. 2019 bestätigte das auch der Glockensachverständige der Landeskirche, Klaus Weimar, und stellte auch durch bauliche Mängel eine „erhebliche Einschränkung im Klang“ fest (Karin Nelius-Böhringer). Eine Sanierung wurde geplant, die aber durch die Pandemie erst dieses Jahr stattfinden konnte.

Die romanische Burgkappelle St. Johannes in Lobenhausen stammt wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert. Der rechteckige Bau hat eine fensterlose Apsis. Die Kapelle steht ganz oben auf dem Umlaufberg der Jagst. Von der dazugehörigen Burg ist heute nicht mehr viel zu sehen.

Der Weg zu den Glocken ist mühsam: Auf der Empore der Burgkapelle, neben der Orgel, geht es über eine Ziehharmonikaleiter auf den Dachboden. Dann wird es etwas komfortabler, eine Holztreppe führt noch ein Stockwerk weiter nach oben. Vorbei an einem großen Wespennest und umschwirrt von ein paar Insekten wird eine Leiter angelegt, und man gelangt in den Turm. Dort hängen die drei Glocken (138 Kilogramm, 95 Kilogramm und 67 Kilogramm schwer) übereinander in dem engen Glockenstuhl aus Stahl. Das ist der Arbeitsplatz von Richard Eisele und Denis Demirkesen von der Spezialfirma Dürr aus Rothenburg ob der Tauber.

Die drei Glocken aus dem Jahre 1956 haben eine Komplettrenovierung erhalten: Die alten Stahljoche und die Aufhängebänder, die die schweren Bronzeobjekte getragen haben, kamen in die Jahre und mussten ausgetauscht werden. Dafür wurde eine Glocke nach der anderen mit einem Flaschenzug abgelassen, das alte Joch aus- und das neue Holzjoch eingebaut und dann wieder nach oben gezogen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch gleich die Kugellager erneuert – das war ein Aufwasch. „Ein möglichst kernfreies Holzjoch ist musikalisch wertvoller“, erklärt Richard Eisele. Der Elektriker baut gerade die neue Steuerung ein.

Und weil, wie vom Experten festgestellt, die ursprünglichen Klöppel aus einem zu harten Material gefertigt waren, wurden sie wie vorgesehen gewechselt. Sie haben eine breite Aufschlagfläche auf den Innenseiten der Glocke hinterlassen und gehen mit der Zeit an deren Substanz. „Der Klöppel sollte das Verschleißteil sein, hier war es eher umgekehrt: Sie haben die Glocken beschädigt“, macht Eisele klar.

Denis Demirkesen, er ist gelernter Feinmechaniker, montiert derweil an der obersten Glocke das Schlagwerk für die Viertel- und ganzen Stunden. Vor der Einführung des Esenbahnverkehrs gab es keinen Minutenzeiger, berichtet Elektriker Eisele. Da sei die ganz genaue Uhrzeit nicht so wichtig gewesen. Die Menschen wollten nur ungefähr wissen, wann Mittag und wann Feierabend ist. Erst mit dem Zug kamen die Minutenzeiger an die Uhren und zeigten somit an, wann die Abfahrt zu erwarten ist.

Die neue Motorsteuerung (eine so genannte Triac-Steuerung) beschleunigt die Glocke langsamer und somit schonender. Außerdem lässt sich die Auslenkung bis auf das Grad genau regeln – somit kann die Stärke, mit der der Klöppel auf die Glocke trifft, exakt einstellt werden. „Der Klöppel darf die Glocke nur küssen“, betont Richard Eisele das Prinzip. Er demonstriert gleich den Unterschied: Wenn der Klöppel zu stark auf die Glocke trifft, ist es ein eher metallischer, harter Klang, bei der sanften Berührung ein weicher Ton.

„Nach unserer Renovierung sind die Glocken wieder eher Musikinstrumente“, ist sich Richard Eisele sicher. Die Glocken wurden 1956 gegossen, davor sei es wahrscheinlich ein Stahlgeläut gewesen, spekulieren die beiden Fachleute. Dies halte nicht so lange und klinge auch nicht so harmonisch. Die beiden Männer haben den Klang der drei Bronzeglocken zunächst einmal grob eingestellt, zusammen mit dem Sachverständigen der evangelischen Kirche wird es später eine Feinjustierung geben, „er hat ein noch besseres Gehör als wir“, lacht Richard Eisele.

Er, Denis Demirkesen und ihre Kollegen kümmern sich um alles, was Kirchenuhren betrifft: Die Glocken, das Uhrwerk, das Ziffernblatt und die Zeiger. Das Unternehmen ist deutschlandweit aktiv und ist auf mechanische Uhrwerke und deren denkmalgerechte Sanierung spezialisiert: Heute ist im Gegensatz zu früher eine genaue Zeitanzeige wichtig. Da aber die historischen Uhrwerke sehr ungenau gehen, hat die Firma Dürr eine Pendelsteuerung entwickelt. Sie beschleunigt das Pendel berührungslos, wenn die Uhr nachgeht und bremst es, wenn sie vorgeht. Die Steuerung kann bei Bedarf wieder ausgebaut werden, weil hierzu kein starker Eingriff in die Mechanik des alten Uhrwerks nötig ist.

Die beiden Fachleute lieben ihren Job: Die Arbeit im Glockenturm sei jeden Tag anders und erfordere sehr viel handwerkliche Kenntnisse und großes Geschick. Aber wenn die Glocken dann wieder sanft läuten, haben sie ihr Ziel erreicht. pm

Bild: Denis Demirkesen (oben) und Richard Eisele sanieren das Geläut im engen Glockestuhl. Neben Jochen aus Holz wurde eine neue Motorsteuerung eingebaut.

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