Ebbes aus Hohenlohe

Niedriger Marktpreis schnürt Luft zum Atmen ab

Seit Jahren ist der Preis für Schweinefleisch unter Druck. Die Landwirte in der Region haben kaum positive Zukunftsaussichten. 

Die Diskussion über Lebensmittelpreise läuft schon seit langer Zeit: Im Supermarkt werden die Produkte immer günstiger und die Erzeuger können von den erzielten Verkaufspreisen für ihre Tiere nicht mehr leben. Laut einer repräsentativen Umfrage vom Sommer würde fast die Hälfte aller Deutschen für ein Kilo handelsübliches Fleisch im Supermarkt zwischen ein und fünf Euro mehr ausgeben, wenn es dem Tierwohl und fairen Arbeitsbedingungen zugute käme. Doch tatsächlich greifen die Verbraucher eher zu den günstigen Fleischpäckchen beim Discounter. Diese Erkenntnis könnte Lebensmittelmärkte dazu bewogen haben, die Initiative Tierwohl (ITW) zu unterstützen: In Zeitungsanzeigen und in Pressemitteilungen wies beispielsweise Lidl darauf hin, dass eine „pragmatische Unterstützung für Landwirte in der aktuell schwierigen Situation geleistet“ und „ein Soforthilfepaket auf den Weg gebracht“ werde. Es umfasse „die zugesicherte Bereitstellung von 50 Millionen Euro für deutsche Schweinebauern über die Initiative Tierwohl (ITW) und eine Erhöhung der Verkaufspreise von einem Euro pro Kilogramm … und die Weitergabe der Mehreinnahmen an die Erzeuger“.

Matthias Frieß, Vorstandsvorsitzender der Unabhängigen Erzeugergemeinschaft für Qualitätsschlachttiere Hohenlohe-Franken (UEG), ärgert sich: „Das ist ein super Werbegag, aber überhaupt nicht zielführend“. Das Angebot würde die Landwirte in zwei Lager spalten, in die Mitglieder der ITW und solche, die der Initiative nicht angehörten. „Lidl soll einfach mehr an die Schlachthöfe zahlen, die die höheren Preise an die Landwirte weitergeben könnten.“ Mathias Schlumberger aus Gerabronn-Unterweiler bestätigt die Aussage: „Bei uns kommt nichts an.“ Um kostendeckend arbeiten zu können, benötigen die Bauern zirka 1,85 Euro pro Kilo Schlachtsau, derzeit werde aber unter einem Euro bezahlt, „das ist ruinös“.

Wöchentlich kommen in Deutschland normalerweise rund 850.000 Schweine unter das Messer – die Landwirte haben sich darauf eingestellt und liefern den Schlachthöfen die benötigte Anzahl. Doch wegen der Corona-Pandemie und der Afrikanischen Schweinepest werden weniger Tiere geschlachtet: Derzeit warten rund 750.000 Schweine zusätzlich in den Ställen, müssen weiter versorgt und später – weil zu schwer – mit Abschlägen verkauft werden. Das Eigenkapital der Landwirte werde aufgebraucht und auf absehbare Zeit gebe es keine Möglichkeit, es wieder aufzubauen, erzählt der Gerabronner Landwirt von seinen Nöten.

Da die Schweineerzeuger aber nicht direkt von den Einschränkungen durch die Corona-Krise betroffen seien, gäbe es keine finanzielle Unterstützung vom Staat. „Wir wollen auch keine Hilfen, sondern für unsere Produkte ordentlich entlohnt werden“, fordert Mathias Schlumberger. Zu der schwierigen Marktsituation kämen noch gesetzliche Vorgaben, die aber nicht entsprechend entlohnt werden: Laut Schlumberger habe das deutsche Fleisch schon die höchsten Qualitätsstandards in Europa. Durch die Initiative Tierwohl werden diese noch weiter angehoben. „Die großen Lebensmittelhändler listen nun das Standardfleisch aus und nehmen nur noch Tiere aus der ITW ab.“ Davon seien rund 80 Prozent des Marktes betroffen. Eine Bedingung der Initiative sei zehn Prozent mehr Platz für die Tiere. Bei seinem vorhandenen Stall bedeute das für den Gerabronner Schweineerzeuger rund 15 Prozent weniger Schweine – bei gleichen Kosten beispielsweise für die Heizung. Da das Fleisch der Tierwohlinitiative aber nun zum Standard werde, erhalten die Erzeuger keinen höheren Preis. Durch die ITW werde lediglich eine kleine Entschädigung für den Mehraufwand gezahlt, die die zusätzlichen Kosten aber nicht decke. „Uns bleibt kaum Luft zum Atmen“, fasst Mathias Schlumberger die Entwicklung zusammen.

Bei ihm und seinen Kollegen sei die Verzweiflung groß, da es keine Perspektive für eine Besserung der Situation gebe. Die schlechte Ertragslage könnten die Landwirte nur durch eine Diversifizierung des Hofs ausgleichen, aber auch das nicht auf längere Frist. So spielten viele Betriebsinhaber mit dem Gedanken, die Landwirtschaft aufzugeben, was aber für den Gerabronner derzeit nicht zur Diskussion steht – er ist auf der Suche nach weiteren Alternativen. th

Foto: Matthias Frieß von der UEG (li.) und Landwirt Mathias Schlumberger berichten von den Nöten der Schweineerzeuger in Hohenlohe.

Zur Info:

In den 1980er Jahren versorgte ein landwirtschaftlicher Betrieb zirka 40 Menschen in Deutschland, erzählt Matthias Frieß. Heute kämen auf einen Bauer rund 150 Menschen, „ihnen gelingt es aber nicht, den Landwirt zu ernähren“, verdeutlicht der Vorsitzende der UEG das Dilemma des Preisverfalls.

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