Sie fand die Schreie unerträglich

Verena Schuster führt als Gräfin Anna Maria durchs Schloss

Graf Philipp Ernst und seine Gemahlin ließen im 17. Jahrhundert das Langenburger Schloss erbauen. Wer war diese Gräfin Anna Maria und welche Spuren hat sie hinterlassen? Verena Schuster nimmt die Besucher mit auf eine spannende Zeitreise.

Frauen nach ihrem Alter zu fragen, ziemt sich nicht. Das dämmert einem, sobald die Antwort „435 Jahre“ lautet. Aber wenn Verena Schuster für eine Schlossführung in die Rolle der Gräfin Anna Maria schlüpft, stimmt es sogar irgendwie. Die blonde Langenburgerin hat sich intensiv mit der historischen Figur beschäftigt. „Ohne Anna Maria und ihren Gatten Philipp Ernst würde es Langenburg so heute nicht geben“, sagt sie. Das Ehepaar baute eine Burg aus dem finsteren Mittelalter zum glanzvollen Renaissanceschloss um. Und das ist längst nicht alles, was sie der Welt hinterlassen haben. Ihre Nachfahren zieren regelmäßig die Titelseiten der Regenbogenpresse. Unter ih­nen sind Prinz William von England, Kronprinzes­sin Victoria von Schweden und Fürst Albert von Monaco. Außerdem sind sie die Urururururururururgroßeltern des Langenburger Fürsten Philipp. Wenn Verena Schuster als Anna Maria durchs Langenburger Schloss führt, trägt sie ein rot-weißes Kostüm. Detaillierte Informationen über die Gräfin waren schwer zu finden. Einerseits, weil sie seit fast vier Jahrhunderten tot ist und andererseits verbrannte vieles beim Feuer 1963. Doch Verena Schuster gab nicht auf, recherchierte im Internet, befragte Geschichtsexperte Axel Dittrich und trug letztendlich ein beeindruckendes Wissen zusammen.
Anna Maria war eine gebürtige Gräfin zu Solms-Sonnewalde. 1609 heiratete sie Philipp Ernst zu Hohenlohe-Neuenstein, den späteren Grafen von Hohenlohe-Langenburg. In den Fürstenstand wurden die hohenlohischen Linien erst im 18. Jahrhundert erhoben. Anna Marias Schwiegervater starb nur ein Jahr nach der Hochzeit. Sein Besitz wurde unter den drei Söhnen aufgeteilt. Philipp Ernst erhielt Langenburg. Die Burg war nicht dauerhaft bewohnt und stammte aus dem 12. Jahrhundert. „Dem Ehepaar war klar: So können sie hier nicht leben“, weiß Verena Schuster. Die Bauarbeiten für das heutige Schloss begannen zügig. Philipp Ernst ließ zudem Häuser bauen, um sein Personal unterzubringen. Dazu kamen die Stadtmauer und das Tor. „Er hat sehr viel gemacht, damit Langenburg zu dem wurde, was es heute ist“, bekräftigt Schuster. Inwieweit Anna Maria an den Entscheidungen mitwirkte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Sicher ist, dass sie elf Kinder zur Welt brachte. Fünf erreichten das Erwachsenenalter.
Wo gibt es noch Spuren der Gräfin zu entdecken? Verena Schuster macht sich auf den Weg zum Innenhof des Schlosses, der zu den Schönsten seiner Art in Süddeutschland zählt. Unter ihren Schuhen knirscht der Kies. Die Langenburgerin drückt auf die Klinke einer alten Holztür. Sie klemmt ein wenig. „Das war früher der Eingang, den vermutlich auch die Gräfin benutzt hat“, sagt Schuster und steigt einige Treppenstufen hoch, bis in den runden Vier-Jahreszeiten-Saal. „Das ist für mich der schönste Raum im ganzen Schloss“, bekennt sie. Die eindrucksvolle Stuckdecke hat den Brand überdauert. Ihren Anblick genoss schon Anna Maria. Verziert mit Blattgold und Farbe sind jahreszeitliche Szenen dargestellt. Erbaut hat das Ehepaar auch ein ganz besonderes Schmuckstück: die Schlosskapelle. Seine Mahlzeiten nahm es in der Tafelstube ein. Dort hängt ein Gemälde des Grafen. Abgesehen von einem Grabmal der beiden, existiert von Anna Maria nur noch eine Abbildung (siehe Seite 40), die sich im Schlossmuseum Neuenstein befindet. Darauf hat sie braunes Haar, trägt eine Perlenkette und blickt fast ein wenig streng. Ein originalgetreues Porträt? Verena Schuster bezweifelt das. „Die Bilder aus der damaligen Zeit zeigen die Leute nicht unbedingt genauso wie sie wirklich aussahen.“ Um Wohlstand zu demonstrieren, pinselten die Künstler den Adeligen ein paar Extrapfunde hinzu. Eine hohe Stirn spiegelte Intelligenz wider und eine stattliche Nase zeugte von Charakter. „Photoshop vor 100 Jahren“, nennt es die wortgewandte Fachfrau.
Im ältesten Teil des Schlosses liegt ein Kerker aus der Burg-Zeit. „Als das Ehepaar hierher kam, waren noch Gefangene darin“, erklärt Verena Schuster. Es sei überliefert, Gräfin Anna Maria habe deren Schreie nicht ertragen. Deshalb baute ihr Gemahl das erste Gefängnis von Langenburg.
Philipp Ernst starb 1628 an Nieren- und Gallensteinen. Anna Maria übernahm die Regentschaft stellvertretend für ihre Söhne, gemeinsam mit ihrem Schwager. Sie hielt vor Ort die Stellung, als der Dreißigjährige Krieg seinen Höhepunkt erreichte. Im September 1634 ging es wohl nicht mehr anders und sie floh mit ihren Kindern nach Saarbrücken. 200 Reiter sollen sie zum Schutz begleitet haben. In Ottweiler, der Heimat ihrer Mutter, starb Anna Maria zwei Monate später, im Alter von 49 Jahren. Die Ursache war, laut Verena Schuster, eine Krankheit. Welche? In einem Buch von Historikerin Dr. Susanne Dieterich ist von Blattern die Rede, während Experte Dieter Robert Bettinger aus Ottweiler annimmt, sie sei der Pest zum Opfer gefallen. Die letzte Gewissheit bleibt im Nebel der Vergangenheit verborgen.sab

Info: Verena Schusters Führungen pausieren momentan wegen der Corona-Pandemie und finden hoffentlich bald wieder statt.

Der Langenburger Innenhof gilt als einer der schönsten in Süddeutschland.

Gräfin Anna Maria zu Solms-Sonnewalde. Bildrechte: Kraft Fürst zu Hohenlohe-Oehringen

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