Vom trennenden Ihr zum gemeinsamen Wir

Muslime in Hohenlohe wünschen sich mehr gesellschaftliche Akzeptanz

Sie sind hier geboren, haben die Schule besucht, eine Ausbildung genossen und besitzen zum Teil seit etlichen Jahren die Staatsbürgerschaft. Trotzdem meinen viele Alteingesessene, sie gehörten nicht zu Deutschland.

In Baden-Württemberg leben derzeit zwischen 760000 und 819000 Muslime. Die Zahl ist durch die Statistiker nur schwer zu ermitteln, weil es kein amtliches Register für die Religionszugehörigkeit gibt. Bei Christen ist die Zahl durch die Kirchensteuer erfasst – doch die gibt es für Muslime nicht. Auch die Zahl der deutschen Staatsangehörigen unter den Muslimen ist nicht leicht herauszufinden – die Deutsche Islam Konferenz (DIK) hat bei einer Studie herausgefunden, dass rund 45 Prozent einen deutschen Pass haben.
Dazu zählt auch Lütfi Ata Yücel aus Crailsheim. Er kam mit sechs Jahren nach Deutschland, hat hier die Schule besucht und eine Ausbildung gemacht. Der gelernte Verpackungstechniker hat sein ganzes Leben gearbeitet und, wie er betont, seine Steuern für den Staat bezahlt. Heute betreibt er zwei Friseursalons in Crailsheim. Trotzdem fühlt sich der gebürtige Türke, wie auch viele seiner Glaubensbrüder und -schwestern, als ein Bürger zweiter Klasse: Tagsüber, während der Arbeitszeit, gibt es ein gutes Miteinander mit den Alteingesessenen, nach der Arbeit so gut wie keine Kontakte. Keiner lädt den anderen zu sich nach Hause ein, „es wird nach Ihr und Wir unterschieden“. Das führt zu einer Unzufriedenheit bei den türkisch-deutschen Mitbürgern.
Viele sind sehr an der Politik in der Bundesrepublik interessiert und gehen regelmäßig wählen. Doch das Interesse der deutschen Politik für sie sei kaum vorhanden, beklagt sich Lütfi Ata Yücel. Der Erfolg des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan bei seinen ehemaligen Landsleuten in Deutschland ist klar: „Er spricht das aus, was sie hören wollen. Er macht aber nichts.“
Der 54-Jährige hat mit seiner Familie in Crailsheim seine Heimat gefunden, hier sieht er seine Zukunft: In der Stadt leben seine Frau und seine vier Kinder – zwei studieren und zwei gehen noch zur Schule. Er fühlt sich in Deutschland wohl, es sei einfach friedlicher, individueller und mit mehr Freiheiten verbunden. Die scheinbar fehlende Integration macht Lütfi Ata Yücel nicht an Äußerlichkeiten fest, sondern an den Denk- und Verhaltensweisen. Hier zu leben, heißt für ihn und seine Familie, wie ein Deutscher zu handeln und eingestellt zu sein. Er bedauert das oft fehlende Verständnis und die Toleranz für Muslime. Wie die Christen möchten sie in einem Gotteshaus beten und ihre Traditionen pflegen können. Der Vorstand des Crailsheimer Moschee-Vereins erzählt von den Aktivitäten seiner Gemeinde: Neben den Gottesdiensten (auf Deutsch und Türkisch) gehöre dazu vor allem die Jugendarbeit, das soziale Engagement und gemeinsame Feste. So kümmern sich viele Mitglieder seiner Gemeinde ehrenamtlich um Flüchtlinge. Die Crailsheimer Muslime sind oft erste Ansprechpartner, wenn es um Übersetzungen, um Hilfe bei Behördengängen oder einfach um ein Gespräch über private Angelegenheiten geht. Der Moschee-Verein mit seinen rund 300 Mitgliedern finanziert die Aktivitäten aus Beiträgen und Spenden. „Wir bräuchten insgesamt 2000 Mitglieder“, rechnet Lütfi Ata Yücel vor.
Um diese Aktivitäten weiter pflegen und ausbauen zu können, möchte der Verein in den nächsten Jahren die Gurbet-Moschee in der Gaildorfer Straße erweitern: Es sollen zusätzliche Versammlungsräume entstehen, in denen dann Religions- oder auch Nachhilfeunterricht stattfinden könnte. Die Räume sollen dann ebenfalls für andere Aktivitäten von Jugendlichen genutzt werden. „Wir wollen ihnen, ähnlich wie bei christlichen Gemeinden, eine sinnvolle Freizeitgestaltung ermöglichen.“ Eine Zusammenarbeit mit der städtischen Jugendarbeit oder der von christlichen Gemeinden findet bis jetzt noch nicht statt, „da fehlt es einfach an der Kommunikation von beiden Seiten. Wir benötigen jemand, der das koordiniert“. Allerdings stoßen die Pläne für die Erweiterung der Moschee noch auf Widerstände.
Der Familienvater hofft auf mehr Akzeptanz von den anderen Crailsheimern: Nach den Morden von Hanau im Februar 2020 hätte er sich mehr Solidarität gewünscht, es gab aber von offizieller Stelle keinen Kontakt. „Wir müssen mehr aufeinander zugehen und mehr Verständnis für einander aufbringen“, wünscht sich Lütfi Ata Yücel von beiden Seiten. „In einer funktionierenden Familie gibt es auch kein Ihr und Wir.“ th

Lütfi Ata Yücel

Der Tag der offenen Moschee ist ein Anziehungspunkt im Jahreslauf – heuer fiel er leider aus.

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