„Net ganz und goar erlouchani Gschichta“

In Hohenlohe gibt es viele unheimliche Legenden

Wenn die Nebelschwaden im Herbst und Winter über Hohenlohe wabern und die dunkle Jahreszeit beginnt, dann haben sie wieder Hochkonjunktur, die „Gaaschtergschichtlich“. Der Ur-Hohenloher Kurt Klawitter erzählt drei davon.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in meinen Kindertagen mit der Oma des Abends in der Stube gesessen bin. Die Zeit, als es draußen schon bald dunkel wurde und ein garstig ungemütliches Wetter übers Land ging. Zum Beheizen der Stube wurde ein großer gußeiserner Holzofen ordentlich geschürt, sodass es selbst hinter der etwas entfernt stehenden Eckbank angenehm warm geworden ist. Damals gab es keinen Fernseher und das alte SABA-Radio durfte nur von den Eltern eingeschaltet werden. So habe ich auf der Eckbank gesessen und die Oma bedrängt, mir doch wieder eine Geschichte von ihrem Opa zu erzählen. Zum Ausklang des Tages hatte sich meine Oma wie so oft hinter ihrem Spinnrad verschanzt, um Schafwolle zu einem Wollfaden auf ihre Spindel zu drehen. Doch nur wenn sie in der richtigen Stimmung war, hat sie angefangen, mir diese Geschichten zu erzählen. 

Ihr Großvater war Schäfer gewesen, in Welbhausen bei Uffenheim und war oft des Nachts draußen bei seinen Schafen in einem Schäferskarren. Um
12 Uhr Mitternacht sagte sie, so wollte es der Brauch, musste er noch einmal aufstehen und mit seiner Schippe über den Pferch mit den Schafen schlagen. Dies sollte Unheil und Wölfe von der Schafherde fernhalten. Schon wenn ich mir diese Aktion in der Nacht vorstellte, überkam mich als Kind das Schaudern und Grauen. Eines Nachts, so sagte meine Oma, als er wieder aus seinem Schäferskarren kam, um über den Pferch zu schlagen, saß auf der Deichsel seines Schäferkarrens ein Licht. Für die damalige Zeit, als es noch keinen Strom oder LED-Lämpchen gab, ein wohl sehr ungewöhnliches Ereignis. Als er versuchte, dieses Licht anzufassen, bekam er wie aus dem Nichts eine arge Ohrfeige verpasst, dass ihm Hören und Sehen verging. Als er wieder zu sich kam, war das Licht verschwunden. Der Großvater mutmaßte, dass es sich wohl um einen Geist gehandelt haben muss. Er blieb noch die ganze Nacht wach, um Unvorhergesehenem begegnen zu können. 

Auf die Frage, wer diese Geister denn sind und woher sie kommen, meinte meine Oma immer: „Des san bäse Leit gwesa, die andere furchtbar traktiert hewa. Deswecha hewas nooch ihrm Tod kei Ruhe gfunda und müssa sich noch zwischa Himmel und Erda rumtreiba.“

Ob das wahr ist? Ich denke, in unserer Zeit, in der man die Nacht zum Tage macht, kann man diesen Geistern nicht mehr begegnen. Obwohl, die Wölfe, die es noch zu meines Ururgroßvaters Zeiten gab, sind ja auch wieder da.

Mann mit lederner Haut

Im mittleren Jagsttal, oberhalb der Ortschaften Klein- und Großforst, liegt auf einem Bergsporn zwischen alten Buchenwäldern das verträumte Schlösslein Morstein. 

Dem Volksmunde nach rankt sich um dieses Schlösschen die Geschichte von einer Geistergestalt, welche man dort schon seit Menschengedenken immer und immer wieder in den Wäldern der dortigen Jagsttalhänge gesehen hat. Die Rede ist vom Raalmännle, einer kleinwüchsigen Gestalt, die nach alter Überlieferung immer mit gleichem Aussehen beschrieben wurde: ungefähr 1,50 Meter groß, bekleidet mit einem ledernen Wams, einer grünen Hose und schwarzen ledernen Stulpenstiefeln. Anscheinend war damals schon die Mode der Overknees absolut angesagt. Sein Gesicht wird beschrieben als eine gelblich lederne Haut mit vielen tiefen Falten. Auf dem Kopf trug er einen langen spitzen Hut mit einem Hutband und um die Hüften einen breiten ledernen Gürtel mit einer großen vierkantigen und sehr auffälligen Messingschnalle.

Kurz und gut könnte man denken, wieder eine von diesen „net ganz und goar erlouchana Gschichta“ aus Hohenlohe, wenn, ja wenn dort in Morstein nicht Ende der 1960er-Jahre die Kapelle des Schlosses abgebrannt wäre. Bei den Aufräumarbeiten soll unter der Kapelle eine Gruft entdeckt worden sein, in der drei steinerne Sarkophage standen. Erzählt wird, dass sich beim Öffnen dieser Truhen aus Stein, in einer der drei, die Überreste des so oft beschriebenen Raalmännles befanden. Jedenfalls mutmaßte man dies anhand der Reste der Stiefel, der  Kleidungsstücke und vor allem der großen Gürtelschnalle aus Messing, welche man darin fand.

Kaum, dass den Betrachtern das Staunen über die Gesichter huschte, zerfielen die Überreste zu Staub. Übrig blieb nur die vierkantige Messingschnalle des Gürtels. Die Spur dieser Messingschnalle hat sich allerdings bis heute verloren, „so a Schoda“.Das Raalmännle hat man seit diesem Tag nie mehr gesehen.

Nicht ganz sittenreiner Mönch

Im Mittelalter soll es in Orlach, einer Ortschaft oberhalb von Braunsbach, ein Kloster gegeben haben. In diesem Kloster lebte der Überlieferung nach ein Mönch oder Abt, den man wie folgt beschreiben kann: „Immer salbungsvoll und geil sorgt sich der schlimme Finger um dein Seelenheil.“ Dieser  Mönch war kein unbeschriebenes Blatt und hätte durchaus in die unheimlichen Kriminalromane des Edgar Wallace passen können. Seine Vorliebe bestand darin, junge Frauen, bei denen es sich allem Anschein nach um Nonnen handelte, zu verführen oder zu missbrauchen. Damit seine frevelhaften Taten nicht entdeckt wurden, ermordete er diese Frauen und auch die von ihm gezeugten Kinder und verscharrte die Leichen in einem Keller in Orlach. Das Vergessen legte sich über die Welt und über den Mönch und über seine Taten und den Ort, an dem er sie verborgen hatte. Und Jahrhunderte ahnte niemand etwas von den unsäglichen Verbrechen, die dort geschehen waren.

Bis 1831 das Mädchen Magdalene Gronbach aus Orlach der Schlüssel zur Entdeckung dieser Taten wurde. agdalene ronbach, ie ochter es gleichnamigen Bauern aus Orlach, erschien der Geist einer der ermordeten Frauen aus just dieser Vergangenheit und bat sie, ihr bei ihrer Erlösung zu helfen. Dafür müsse Magdalene nichts anderes tun, als dem schwarzen Mönch, welcher ihr ebenfalls erscheinen würde, keine Antwort zu geben. So passierte es dann auch. Unter allerlei unheimlichen Vorzeichen tauchte dieser Mönch, den man heute wegen seiner schwarzen Kutte, den Schwarzen von Orlach nennt, tatsächlich als Geist dort auf. Trieb zuerst seinen Schabernack im Stall des Bauern, legte in Scheune und Stall hier und dort Feuer und erschien eines Tages dann wie vorhergesagt dem Mädchen. 

Doch Magdalene, gewarnt vom Geist der weißen Frau, blieb standhaft und antwortete dem Schwarzen nicht. Der Schwarze versuchte nun mit aller List und Tücke Magdalene zum Reden zu bringen, mal mit Versprechungen, mal mit Drohungen. Als das alles nichts nützte, ergriff er von Magdalene Besitz, in dem er sich an ihre Seite stellte, mit seiner Hand in ihren Nacken griff und so in sie hineinfuhr. Fortan plagte er sie mit schrecklichsten Anfällen, aus denen sie aber immer wieder völlig unbeschadet erwachte. Den Ärzten und Gelehrten dieser Zeit war das Szenario völlig unerklärlich. Nur Justinus Kerner, öniglich-württembergischer ervenheilarzt, welcher Magdalene auch untersuchte, meinte, dass das Mädchen nicht wirklich krank sei. Er empfahl, den Aussagen des Mädchens Folge zu leisten und das Elternhaus, in dem sie wohnte, abzureißen. Denn, so wurde Magdalene vom Geist der weißen Frau immer wieder prophezeit, sobald das Haus abgerissen sei, sei sie als Geist erlöst und Magdalene werde nie mehr vom Schwarzen heimgesucht. 

So geschah es dann auch. Der Vater von Magdalene ließ das alte Haus abreißen. Hierbei entdeckte man den Keller mit den Skeletten der Ermordeten unter dem Haus. Fortan löste sich der Spuk in Wohlgefallen auf. Das Mädchen Magdalene war geheilt, der Geist der weißen Frau erlöst und der schwarze Mönch? Ja, da scheiden sich nun die Geister. Gibt es ihn immer noch, hier zwischen Himmel und Erde? Angeblich soll er im Wald einmal einem Jäger begegnet sein. Und diesem hat er wohl gesagt, dass der Weg auf dem er gerade steht, der direkte Weg zur Hölle sei. Gott sei Dank hatte der Jäger auch eine Schrotflinte dabei: Die hat er dem Schwarzen von Orlach unter die Nase gehalten und ihm eine doppelte Ladung Schrot hinauf geschossen. Worauf der Geist meinte, dass das ein sakrisch scharfer Schnupftabak wäre, den er da hat. Nach kurzem Schütteln des Kopfes ist der Schwarze dann recht unbeeindruckt von dannen gezogen. Zu sehen gibt es die Geschichte des „Mädchens von Orlach“ als Theaterstück in Braunsbach auf einer Freilichtbühne. Leider nicht mehr am Originalschauplatz in Orlach, vor dem Haus von Magdalene Gronbach, an dem das Theaterstück seine Premiere hatte.

Info: Kurt Klawitter aus Wiesenbach ist nicht nur Ur-Hohenloher, sondern auch Mundartkünstler. Mit seinem Markenzeichen, der Saistoolkapp, singt er Lieder und hat kürzlich seinen Gedichtband „Hammkumma“ vorgelegt, der in allen Buchhandlungen zu haben ist.

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