Ebbes aus Hohenlohe

Der harte Weg zu einem Nagel

Die Schmiedemeister haben im vorindustriellen Zeitalter Metalle verarbeitet. Dabei waren sie auf einzelne Produkte spezialisiert, fand Dr. Achim Frick in Langenburg heraus. 

In jedem Ort gab es früher mehrere Schmieden. Dort wurden in Handarbeit Werkzeuge, Beschläge, Hufeisen und sonstiges metallisches Gerät gefertigt. Der frühere Professor für Kunststofftechnik, Dr. Achim Frick aus Aalen, beschäftigt sich seit Jahren mit Schmieden im Allgemeinen und mit der restaurierten Langenburger Löchnerschen Schmiede im Besonderen. Beim Abbruch einer Scheune im Vorort Atzenrod stieß der Fachmann auf handgeschmiedete Nägel und ging ihrer Herkunft nach. Sein Aufsatz „Von elenden Drahtstiften und geschmiedeten Nägeln – Zum Handwerk der Nagelschmiede in Langenburg und Hohenlohe“ erhielt er im Rahmen der Vergabe des Landespreises für Heimatforschung 2022 eine Anerkennungsurkunde.

Bei seinen Recherchen fand der Forscher heraus, dass es verschiedene Richtungen des Schmiedehandwerks gab: den Büchsen-, Huf-, Messer-, Nagel-, Sensen- und Zirkelschmied, sowie den Plattner und den Schlosser. Sie alle hatten sich auf verschiedene Produkte spezialisiert. In Langenburg gab es die bekannte Löchnersche Schmiede, in der mindestens seit dem 16. Jahrhundert Huf- und Wagenschmiede – als Hofschmiede des Grafen- und späteren Fürstenhauses – arbeiteten. Doch sie konnten ihr Handwerk nicht ohne Nagelschmiede verrichten: Ein Pferd benötigte etwa alle vier Wochen einen neuen Hufbeschlag. Nicht etwa, weil die Hufeisen dann abgelaufen waren, sondern weil das Horn am Fuß wuchs. Dem Schmied kam eine wichtige Funktion zu, erklärt Dr. Achim Frick, „er war quasi der Pferdeorthopäde“. Der Meister sorgte so regelmäßig dafür, dass das Pferd gerade auf den Beinen stand und arbeitsfähig bleib. Die Hufe wurden bei dieser Gelegenheit ausgeschnitten, in Form gebracht und schließlich mit einem neuen oder einem gerichteten Hufeisen wieder beschlagen. Die pro Bein notwendigen sechs bis acht Nägel hat nicht der Huf- sondern ein spezialisierter Nagelschmied angefertigt.

Der letzte Nagelschmied Langenburgs, der 1899 verstorbene Johann Georg Friedrich Müller, hatte seine Werkstatt links neben dem Rathaus, auf dem Grundstück der heutigen Sparkasse, fand Dr. Achim Frick heraus. In einem kleinen Raum gab es eine freistehende Esse und wohl mehrere Nagelschmiedearbeitsplätze. Das hatte den Vorteil, „es können gleichzeitig mehrere Nagler ein Schmiedefeuer nutzen, das spart Kohlen und damit Kosten.“ Dafür wurde ein Stabeisen erwärmt, auf dem Amboss zu einer vierkantigen Spitze geformt und dann gekürzt. In einem Nageleisen wurde anschließend der Kopf geformt – je nach Verwendungszweck vierkantig als Hufnagel, fünfstreichig als Bandnagel oder mit zwei groben Seiten wie ein Dach als Brettnagel. Solche Metallstifte kamen auch in der Atzenroder Scheune zum Einsatz.

Dr. Achim Frick hat in alten Rechnungen herausgefunden, dass die Nagelschmiede eine frühe Massenproduktion unterhalten haben, allerdings keine wirklich auskömmliche: Der Schmied musste von den gebräuchlichsten 600 bis 1500 Nägel pro Zehn-Stunden-Arbeitstag anfertigen, „eine harte Arbeit“, meint der Wissenschaftler. Zu welchen Auswüchsen das führen konnte, zeige möglicherweise auch das „Lied vom versoffenen Nagelschmied“.

Den Preisunterschied zwischen einem Massennagel vom Nagelschmied und einem Schraubnagel für einen Brunnentrog aus der Löchnerschen Schmiede zeigte die Wertigkeit: Der Schraubnagel kostete 200-mal so viel wie ein Brettnagel! Dr. Achim Frick kommt zu dem Schluss, dass Nagelschmiede wirtschaftlich „zunehmend schlechter gestellt waren als Huf- und Wagenschmiede“. Diese Schmiede führten technologisch anspruchsvollere Arbeiten aus, was zu mehr Aufträgen, zu mehr Geschäftserfolg und schließlich zu mehr Wohlstand führten konnte.

Da das Nagelschmieden eine anstrengende Tätigkeit war, gab es schon früh Überlegungen, diese zu mechanisieren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewannen diese „elenden Drahtstifte“ an Bedeutung und verdrängten schließlich das Nagelschmiedehandwerk nicht nur in Langenburg.

Wie es in einer Huf- und Wagenschmiede zuging und welche Arbeiten dort verrichtet wurden, kann nach wie vor in der Löchnerschen Schmiede am Langenburger Marktplatz beobachtet werden. Dort arbeiteten seit 1704 sieben Generationen mit dem Namen „Löchner“. Die Werkstatt – die letzte in Baden-Württemberg, die sich noch mit originaler Einrichtung an ihrem historischen Platz befindet – wurde 2005 durch den Langenburger Geschichts- und Kulturverein restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie zeigt den Zustand als die Schmiede 1931 geschlossen wurde. In der „offenen Werkstatt“ werden traditionelle Arbeiten gefertigt. Der Forscher Dr. Achim Frick beschäftigt sich allerdings nicht nur theoretisch mit dem Schmieden, er bietet auf Wunsch in Langenburg auch Zwei-Tages-Kurse an. Dabei wird ein Ganzstahlmesser gefertigt. th

Zur Info:

Die Löchnersche Schmiede hat von Mai bis Oktober jeweils am ersten Samstag im Monat ab 14 Uhr geöffnet. Die Besucherinnen und Besucher können den Handwerkern über die Schulter schauen und selbst mit Hand anlegen. Die Schmiede dengeln auch mitgebrachte Sensen und schärfen Handwerkszeug. Für Gruppen gibt es spezielle kalte und warme Führungen oder Fortbildungen für junge Schmiede.

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