Ebbes aus Hohenlohe

Der Mann, der ihr fehlte

In Langenburg lernten sich vor über 65 Jahren zwei Menschen kennen und lieben: Sie war eine bekannte Opernsängerin, er Forstdirektor.

In der Literatur gibt es viele große Liebesgeschichten: Romeo und Julia ist der Klassiker, in den letzten Jahren erschien der Roman „Eine Frage der Chemie“, in dem zwei Menschen zueinander finden und sich wunderbar ergänzen. Für Hohenlohe ist „Die Heilige und ihr Narr“ die romantische Erzählung schlechthin. Doch in Langenburg spielte sich Ende der 1950er Jahre eine echte Romanze ab, die den fiktiven in nichts nachstand. Jetzt wurden dem Stadtarchiv Dokumente übergeben, mit denen das Geschehen historisch korrekt beleuchtet werden kann.

Aus verschiedenen Quellen erfuhr Heide Ruopp von der Liebesgeschichte, die sich zum Teil in ihrem Haus abspielte: Die bekannte Opernsängerin Tilla Briem und der Forstdirektor Emil Augustin – beide bereits über 50 Jahre alt – verliebten sich unsterblich ineinander, heirateten und lebten gemeinsam in Tierberg. Doch der Reihe nach: Tilla Briem kam 1927 im Alter von 22 Jahren mit ihrem Vater und zwei Brüdern nach Langenburg. Alfred Briem war Witwer und arbeitete als Schreinermeister in der eigenen Werkstatt. Die junge Frau fand in dem Städtchen wohl keinen Anschluss und zog nach Würzburg. Dort wurde sie als Sängerin ohne Ausbildung vom Dirigenten Wilhelm Furtwängler entdeckt. Später holte sie das Gesangsstudium nach und entwickelte sich in einer „Blitzkarriere“ (Heide Ruopp) zu einer hochdramatischen Sopranistin.

Furtwängler förderte sie und sie trat vor allen Nazigrößen auf. 1938 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt Berlin – Adolf Hitler persönlich schenkte ihr einen Bechstein-Flügel. Bis Ende 1943 konzertierte sie in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach Langenburg zurück und brachte ihre Gesangslehrerin und ihren Gesangslehrer mit. Es wurde ein Chor gegründet, der in Hohenlohe und darüber hinaus bekannt war. Tilla Briem wollte sich aber noch nicht aufs Altenteil zurückziehen und gastierte wieder bei vielen Festivals im In- und Ausland. Seit 1961 war sie Professorin für Gesang an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

In dieser Zeit, vermutlich 1958, verliebten sich die Opernsängerin und Emil Augustin ineinander. Der 1904 geborene Forstdirektor stammte aus einer sehr musikalischen Familie – war aber der einzige, der die Musik nicht zu seinem Beruf machte. Er trat 1951 in den Dienst des Fürsten von Langenburg und wohnte mit Frau und ihren vier Kindern im Steinhaus. Dieses stattliche Gebäude war das Zuhause aller fürstlichen Beamten – seit einigen Jahren ist Heide Ruopp die Besitzerin des Hauses. Dass sich Tilla Briem und Emil Augustin kannten, ist in dem kleinen Ort wohl anzunehmen. Die genauen Umstände, unter denen Amors Pfeil die beiden traf, sind bis heute nicht erforscht.

Ulrich Augustin, ein Sohn des Forstdirektors, übergab jetzt dem Stadtarchiv Langenburg verschiedene Dokumente, ein Kleid der Operndiva und einige Tagebücher. Archivarin Heidi Blum wird die Unterlagen im Auftrag der Leiterin des Stadtarchivs, Marianne Mühlenstedt, aufarbeiten. Ziel ist es, „die absolut schönste Liebesgeschichte Langenburgs“, wie es Heide Ruopp formuliert, historisch einwandfrei erzählen zu können.

Die Liebe zwischen den beiden muss so groß gewesen sein, dass Emil Augustin seine Ehe aufgeben und Tilla Briem heiraten wollte. Als der Forstdirektor in der Küche des Steinhauses („Meiner Küche!“, betont Heidie Ruopp) von seiner Frau die Scheidung verlangte, soll es zu einer Szene zwischen den beiden gekommen sein. Mitte Oktober 1961 fiel das Gerichtsurteil, und schon Anfang November 1961 gaben sich die beiden vor Bürgermeister Laue und Pfarrer Schlauch in Bächlingen das Ja-Wort. Ab 1966 lebte das Ehepaar auf dem Schaafhof in Tierberg und führte ein glückliches Leben. 1980 starb Tilla Briem und wurde in Steinkirchen bei Braunsbach beigesetzt. Emil Augustin zog zu seinem Sohn Ulrich nach Kanada – er nahm den gesamten Nachlass mit, auch den Flügel. Dort starb er 14 Jahre später, 1995.

Mithilfe des Archivmaterials wollen die Langenburger nun die Person Tilla Briem greifbarer machen: Was zog die starke Frau, den „Nazi-Star, der nach dem Krieg schnell wieder Fuß fasste“ (Heide Ruopp), zu dem Forstdirektor? Was konnte er ihr geben, was sie im Laufe ihrer Karriere von ihren vielen Freunden aus der nationalen und internationalen Künstlerszene nicht bekam? Dass sich die beiden nicht von der Welt abgeschottet haben, geht aus den Tagebüchern hervor: So schrieb Tilla Briem Anfang der 1960er Jahre: „Wann sind wir mal ohne Besuch?“ Die kühle, professionelle und perfekte Sängerin habe in Tierberg wohl auch ihre emotionale Seite ausleben können, vermutet Heide Ruopp, „sie ist lockerer geworden“. Emil Augustin war vermutlich „der Mensch, der ihr immer gefehlt hat“. Tilla Briem bezeichnete ihn einmal als „das Glück meines Lebens“. Heidi Blum hat schon beim flüchtigen Durchblättern der Tagebücher erkennen können, dass die beiden eine innige Beziehung geführt haben müssen, dass sie sich immer besser aufeinander eingestellt haben.

Für den heute knapp 83-jährigen Sohn Ulrich Augustin war es eine „logische Konsequenz, dass das Material wieder nach Langenburg kommt“, denn hier habe die Liebe begonnen, sagte er bei der Übergabe der Dokumente und Bilder. Bürgermeisterin Petra Weber freut sich, „das ist toll für Langenburg“. Auch Heidi Blum ist begeistert: „Ich bin froh und dankbar, dass Tilla Briem auf diese Weise nach Hohenlohe zurückkehrt“.

Die Tagebücher, Dokumente und Bilder werden in den nächsten Monaten ausgewertet – sie sind zunächst nicht öffentlich zugänglich. Heide Ruopp hofft, dass Ulrich Augustin bei einem seiner nächsten Besuche weitere Tagebücher mitbringt und so die Langenburger Romanze weiter erforscht werden kann. th

Bürgermeisterin Petra Weber (von links) und Heide Ruopp freuen sich über das Kleid und die Dokumente, die Ulrich Augustin aus Kanada mitgebracht hat.

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