„Die Schürze hing nach wie vor am Haken“

Ein vergessener Ort wird zu einem lebendigen Museum

Hinter einer Türe, in einem Abstellraum, wurde jahrelang Holz gelagert. Ansonsten passierte dort nichts. Ein Glücksfall: Gerhard Steinbrenner fand im Haus seiner Tante Helene Löchner mitten im historischen Ortskern von Langenburg eine vollständig erhaltene Schmiede.

„Ich habe mein Leben lang gewusst, dass mein Großvater Schmied war“, erzählt Gerhard Steinbrenner. „Aber in dem Raum konnte man nichts erkennen, so voll war er mit allerlei Dingen.“ Das Holz, das seine Tante benötigte, stellte er immer nur direkt hinter der Türe ab. Als sie 1992 starb und er das Haus erbte, entdeckte er eine vollständig ausgestattete Schmiede – Stand der Technik anno 1931. „Es sah so aus, als ob mein Großvater nur kurz nach draußen gegangen war, die Schürze hing nach wie vor am Haken.“
Dass seine Tante den Ort schützte und nichts verändert haben wollte, stellte sich im Nachhinein als Glücksfall heraus: „Als junger Kerl wollte ich dort immer mal aufräumen und das ,alte Zeug‘ wegwerfen.“ 1992 stand der Atzenröder Gerhard Steinbrenner allerdings vor einem Dilemma: Was sollte er mit der Schmiede machen? Dass sie ein Juwel war – wenn auch ein verrußtes – erkannte der Landwirt sofort.
Der Bürgermeister und der Gemeinderat wurden eingeladen, sie bestaunten das tolle Ambiente, aber die Stadt hatte kein Geld, um daraus ein Museum zu machen. Schließlich gründeten Gerhard Steinbrenner und das Ehepaar Heide und Wilhelm Arnold Ruopp den Langenburger Geschichts- und Kulturverein, der sich um die sachgemäße Restaurierung kümmerte. Experten, auch vom Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen, waren ganz begeistert von der vollständigen Ausstattung. Sie rieten, das Ensemble als Ganzes zu erhalten.
Die Geschichte der Schmiede lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. In den Besitz der Familie Löchner kam sie im Jahre 1704. Das Leistungsspektrum war in ganz Langenburg gefragt: Neben dem typischen Huf- und Wagenbeschlag fertigten die Löchners Werkzeuge wie Hacken oder Beile und Beschläge aller Art. Außer der Werkstatt selbst sind sämtliche schriftlichen Unterlagen erhalten – Geschäftsbücher, Bilder, Baupläne und andere Dokumente wurden ordentlich im Kontor gelagert.
Ein Schmied war für die vorindustrielle Gesellschaft wichtig, stellte er doch alles her, was für die Arbeitstiere notwendig war: Die Hufe der Pferde mussten beschlagen werden, um die Gesundheit der wertvollen Tiere so lange wie möglich zu erhalten. Ein Schmied veredelte die vom Wagner hergestellten hölzernen Wagen, Kutschen sowie deren Räder mit eisernen Beschlägen.
Mithilfe der Landesdenkmalstiftung wurden die Räume gesichert, die Decken saniert und die Schmiede wieder so hergerichtet, wie sie einmal war. „Die Werkzeuge mussten zunächst nummeriert und dann abgehängt werden. Die Reihenfolge ist wichtig, wie wir erst später, beim Arbeiten, festgestellt haben“, erzählt Gerhard Steinbrenner. „Es kam nichts heraus und auch nichts herein.“ Ein Spezialist klebte beispielsweise den Ruß an der Decke fest, damit er nicht herunterfällt. Metall-Azubis von Crailsheimer Firmen setzten die alten Maschinen in Gang. Die Esse mitsamt dem Rauchfang wurde gerichtet, denn für das Team war klar: Die Schmiede soll nicht nur zum Schauen sein, sondern auch zum Arbeiten.
Seit 2006 ist sie wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Jeweils am ersten Samstag im Monat wird die Esse eingeschürt und geschmiedet. Hermann Nübel, ein gelernter Schmied aus Langenburg, nahm sich der Aufgabe an: Zusammen mit anderen zeigt der 78-Jährige, wie früher landwirtschaftliches Gerät und Werkzeuge hergestellt wurden. „Er zeigt uns, wie das funktioniert und wir sind seine Handlanger“, lacht Gerhard Steinbrenner.
Auf Nachfrage wird die Schmiede auch zu anderen Zeiten geöffnet. „Wir haben kalte und heiße Führungen“, betont der Atzenröder. Detlef Heusel aus Heinkenbusch bei Crailsheim kommt zu Workshops nach Langenburg und lehrt Interessierten das alte, fast ausgestorbene Handwerk. Bei den Besichtigungen kommen die älteren Besucher schnell ins Erzählen und freuen sich an der alten Schmiede in Langenburg. th

Info: Von Mai bis Oktober ist die Löchnersche Schmiede in Langenburg am ersten Samstag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Zusätzliche Führungen sind möglich. Informationen unter www.kulturverein-langenburg.de

Der gelernte Schmied Hermann Nübel kennt die Tricks des alten, fast ausgestorbenen Handwerks.

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