Wo Ernte Spaß macht

Bürger versorgen sich selbst mit Lebensmitteln, die direkt vor Ort wachsen

In Ellrichshausen haben sich vor vier Jahren Menschen zusammengeschlossen und eine „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) gegründet. Den Anbau gemeinsam finanzieren, die Ernte teilen und das Risiko miteinander tragen, lautet ihr Konzept. Inzwischen versorgt die „Rote Beete Hohenlohe“ rund 80 Familien das ganze Jahr über mit Gemüse in Bioqualität. Am Sonntag, 17. November, ist die jährliche „Bieterrunde“. Wer mitmachen will, muss hier dabei sein.

Es ist Mittwochabend gegen 18.30 Uhr. Vor der „SolaWilla“ im „Rötfeld 1“ im Satteldorfer Teilort Ellrichshausen wird es lebendig. Die Mitglieder der Roten Beete treffen ein, um ihre Gemüsekiste abzuholen. Es riecht wie beim Wochenmarkt, doch es funktioniert ganz anders: „Wer bei der Solawi mitmacht, muss sich von Stück- oder Kilopreisen verabschieden“, weiß die ortsansässige Nadine Wendt. Gemeinsam mit Ehemann Philipp und den drei Kindern ist sie seit 2016 bei der Roten Beete. „Man zahlt hier einen monatlichen Beitrag – derzeit 91 Euro – und bekommt im Wochentakt seinen Ernteanteil.“ Wirsing, Mais, Tomaten, Kartoffeln, Salate, Karotten, Zwiebeln, Rote Beete, Bohnen und eine Melone nehmen die Wendts heute mit. Vieles hat „Schönheitsfehler“, doch das stört sie nicht. Schließlich gehe es bei dem Projekt um Nachhaltigkeit: „Seit wir unser Gemüse-Abo haben, gehen wir bewusster mit Lebensmitteln um. Ich verkoche alles und entdecke dabei oft neue Rezepte.“ Vor allem schmecke das Gemüse frisch vom Acker viel intensiver als solches mit langem Transportweg. „Allein dafür lohnt es sich, hier mitzumachen.“
Wie jedes Mitglied erhält Familie Wendt ihre individuelle Gemüsekiste. Im Online-Shop findet sich schon am Vorabend des Verteilertreffens eine Ernteauswahl. Was man möchte, legt man per Mausklick in den Warenkorb und bestimmt die Menge. Eine Begrenzung gibt es nicht. Man verlässt sich auf die solidarische Verantwortung der einzelnen. Das freiwillige Helfer-Team packt dann die grünen Boxen gemäß den Bestellungen und reiht sie in der weiträumigen „SolaWilla“ auf, dem ehemaligen Vereinsheim der Kleintierzüchter. Seit einem Jahr ist hier das Zentrum der Roten Beete. Denn einen festen Bauernhof hat die Solawi nicht. „Als wir im Jahr 2015 auf die Idee kamen, eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft zu gründen, dachten wir, dass der örtliche Demeter-Hof für uns produziert. Das hat nicht geklappt, weshalb wir begannen, selbst anzubauen“, resümieren Armin Hohl und Erich Hofmann die Anfänge. „Gemeinsam mit unserem Gärtner Martin Kurz bewirtschafteten wir zunächst dessen Acker. Weil es so gut lief, pachteten wir im Laufe der Zeit mehr Land. Mittlerweile betreiben wir sechs Felder, insgesamt zwei Hektar, rund um Ellrichshausen, und Rebecca Kunzelmann vervollständigt das Gärtner-Team.“
Fast 35 Gemüsesorten bauen sie an – ohne Einsatz von Pestiziden. „Wir erzielen bei der Roten Beete keine Gewinne, sondern betreiben unsere eigene Landwirtschaft nachhaltig und unabhängig vom Weltmarkt. Das könnte ein Zukunftsmodell für Kleinbetriebe sein, die mit dem Rücken zur Wand stehen“, glaubt Armin Hohl. Lachend fügt er an: „Uns sehe ich gerne als Sozialexperiment. Unterschiedlichste Charaktere aus verschiedensten Berufssparten arbeiten auf Augenhöhe zusammen und tragen auf großartige Weise zum Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft in Hohenlohe bei.“ Wer will, bringt sich in den Arbeitsgruppen ein. Viele Solawisten kommen aus den Nachbargemeinden. Dank der Einsatzbereitschaft seien etwa die Feuerstelle an der „SolaWilla“, der Brunnen oder der Fischteich entstanden. Selbst Wilhelm Wackler, Ortsvorsteher und konventioneller Landwirt, borgt den Solawis gelegentlich Gerätschaften. „Sie sind offen für jeden, das finde ich gut. Das Risiko Ernteausfall tragen alle mit. Wenn, wie in diesem Jahr, der Erdfloh die Blumenkohl-Ernte zerstört, dann ist das so. Da beschwert sich keiner.“ Gerade hat Wackler den Themenweg genehmigt, der Interessierte zu Rad oder Fuß entlang der Rote-Beete-Solawi-Felder führt – dem Arbeitsplatz der beiden Profigärtner. Sie sind die einzigen im Verein, die für ihr Tagewerk Lohn erhalten. Welchen Beitrag die Mitglieder für das neue Anbaujahr leisten werden, wird bei der bevorstehenden Bieterrunde am Sonntag, 17. November, festgelegt. „Es herrscht Anwesenheitspflicht für jeden, der sich seinen Ernteanteil sichern will. Der Richtwert wird ermittelt, indem die Anbaukosten durch die Anzahl der Gemüsebezieher geteilt wird und so die Erzeugerkosten abdeckt“, bemerkt Armin Hohl und ergänzt in bedeutungsschwangerem Ton: „Optimal wäre es, wenn wir auf 100 Mitglieder anwachsen.“ Auch Familie Wendt wird bei der Bieterrunde dabei sein. Die Eltern freuen sich schon heute darauf, mit den Kindern im Frühling wieder beim Aussäen zu helfen. Aber bis dahin gibt es erst einmal jede Menge herbstlichen Kürbis-Spaß. ela

Info: Wussten Sie schon, dass Topinambur hier wächst? Die kartoffelähnliche Knolle findet derzeit den Weg in deutsche Küchen zurück. Das Gemüse ist zum Abnehmen geeignet und besonders gesund bei Diabetes. Es kann roh gegessen werden, zum Beispiel im Salat oder gekocht zu Fisch, Fleisch, in Soßen, Aufläufen oder als Püree.

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