Ebbes aus Hohenlohe

Flugkünstler ziehen im Stall Junge groß

Rauchschwalben sind immer mehr auf dem Rückzug: Ihnen fehlen geeignete Brutmöglichkeiten. Der Nabu zeichnet schwalbenfreundliche Höfe aus.

Sie gehörten zu Hohenlohe und der Landwirtschaft wie die Kühe und Streuobstwiesen: Rauchschwalben. Oder muss man heute sagen, gehörten? Das Gefieder der fliegenden Dorfbewohner ist glänzend blauschwarz, die Unterseite weiß, sie haben ein braunrotes Gesicht. Das schwarze Brustband ist gut zu sehen. Im Flug erkennt man die Rauchschwalben am besten an ihrem tief gegabelten Schwanz mit den langen Spießen. Bruno Fischer vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), Ortsgruppe Kirchberg, erzählt, dass sich die Tiere vorwiegend in ländlichen Gegenden wohlfühlen. Über kleinen Gewässern und Wiesen fangen sie ihre Nahrung im Flug, meist Insekten. Dabei sind die Rauchschwalben wahre Flugkünstler. Sie bewohnen offene Scheunen oder Ställe, „sie lieben dunkle Plätze“. Doch durch den Wandel in der Landwirtschaft, immer weniger Bauern und geschlossene Ställe fänden sie kaum mehr Nistmöglichkeiten, betont der Naturschützer.

Nun hat der Nabu in Kleinforst bei Gerabronn im Jagsttal ein Paradies für Rauchschwalben gefunden: Der Hof von Familie Renner verfügt über offene Ställe und liegt direkt am Fluss – ideale Brutmöglichkeiten. So wundert es nicht, dass Hofinhaber Horst und sein Vater Hermann Renner 45 Nester in ihren Ställen gezählt haben. Dort geht es auch noch im August sehr lebhaft zu. Während die Limousin-Rinder und die Schafe auf den Weiden sind, kümmern sich die Rauchschwalben um den Nachwuchs. Aus vielen der Nester strecken vier junge Vögel den Schnabel heraus und warten, bis Vater oder Mutter mit frisch gefangenen Insekten vorbeikommen, dann machen sie sich mit lautem Gefiepe bemerkbar. „Ein Pärchen zieht pro Jahr zwei bis drei Bruten mit jeweils bis zu fünf Jungen groß“, weiß Ulrich Hartlieb vom Nabu Kirchberg. „Ihren Namen haben die Rauchschwalben übrigens dadurch bekommen, dass sie ihre Nester früher auch gerne in Kaminen gebaut haben.“

Hermann Renner erzählt von seinem Verhältnis zu den Vögeln: „Wenn die Lämmer geboren werden und die Rauchschwalben wieder da sind, dann beginnt für uns das Frühjahr.“ Die Tiere sind standorttreu und kommen immer wieder zu „ihrem Hof“ zurück. Die Zugvögel überwintern im tropischen Afrika, macht Ulrich Hartlieb deutlich, und können schon im März oder spätestens Anfang April wieder in Kleinforst sein. Nachdem sie die Bruten aufgezogen haben, fliegen sie erst im September wieder in den Süden, „sie kommen früher und gehen später als Mehlschwalben und Mauersegler, die ähnlich leben“. Dennoch kommen sich die Vögel nicht in die Quere: Während die anderen Arten eher höhergelegene Jagdreviere bevorzugen, sind die Rauchschwalben in größeren Gruppen in niedrigen Luftschichten zu finden.

Wenn ein Tiefdruckgebiet mit schlechtem Wetter im Anmarsch ist, dann schwirren die Insekten nahe am Boden – die Rauchschwalben folgen ihrer Beute. Aus diesem Grund sind sie zuverlässige Indikatoren für einen Wetterumschwung: „Die Schwalben fliegen tief, ich glaube, es gibt Regen“, heißt das Sprichwort. Im Sommer versorgen die Tiere bis in die Abendstunden ihre Jungen mit Mücken. „Sie sind so gute Flieger, man kann sie sogar über der Jagst und beim Baden im Flug sehen“, hat Horst Renner beobachtet.

Damit die Rauchschwalben genügend Schlamm für den Nestbau finden, hält Hermann Renner eine unbefestigte Stelle auf dem Hof nass: „Dort, wo ich jeden Tag die Fässer für die Rinder auffülle, lasse ich etwas Wasser stehen.“ Denn mit dem Material lassen sich die stabilsten Nester bauen, „mit Kuhmist funktioniert das nicht“, hat er festgestellt. Kunstnester nehmen die Tiere auch gerne an.

Horst Renner und seine Vorfahren bewohnen seit über 500 Jahren den Hof in Kleinforst. Die Familie hat sich auf Mutterkuhhaltung und Landschaftspflege spezialisiert. Die Limousin-Rinder und die Schafe sorgen dafür, dass die steilen Hänge im Jagsttal offen bleiben und bewahren damit den gewohnten Anblick: Denn nur durch die ständige Abweidung kann das Landschaftsbild erhalten werden, sonst würden die Täler durch das sich immer weiter ausbreitende Gebüsch langsam zuwachsen.

Für Bruno Fischer hat der Hof von Renners „die größte mir bekannte Population von Rauchschwalben in der Gegend“. Auch Ulrich Hartlieb freut sich, dass „es hier noch so viele Vögel gibt“. Aus diesem Grund verleiht der Nabu der Familie Renner eine Urkunde und die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“. Durch den Rückgang der Landwirtschaft suchen sich die Tiere neue Nistmöglichkeiten. Da sie keine Zugluft und eher dunklere Orte lieben, sind sie auch in Garagen und Waschküchen zu finden: Gekippte Fenster sind für die Flugkünstler kein Problem. „Man kann den Vögeln Kunstnester mit Kotbrettchen anbieten, die nehmen sie gerne an“, betont Ulrich Hartlieb. th

Freuen sich über viele Rauschschwalben auf dem Hof (von links): Bruno Fischer (Nabu), Horst und Hermann Renner sowie Ulrich Hartlieb (Nabu).
Freuen sich über viele Rauschschwalben auf dem Hof (von links): Bruno Fischer (Nabu), Horst und Hermann Renner sowie Ulrich Hartlieb (Nabu).

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