Ebbes aus Hohenlohe

Arbeit und Wohnung bieten Sicherheit und Zukunft

Mehr als vier Monate dauert jetzt schon der Krieg in der Ukraine. Viele Menschen kamen nach Hohenlohe, haben hier ein zeitweiliges Zuhause gefunden und meistern ihren Alltag.

„Als wir in Gerabronn eingetroffen sind, waren wir ganz überwältigt“, erzählt Ruslan von seinen ersten Eindrücken. „Wir haben mit unseren drei Jungs und meiner Schwiegermutter eine Wohnung bekommen und sind gut untergebracht.“ Die beiden ältesten Söhne gehen in die Grundschule, der Kleinste will in den Kindergarten. Der Kindergarten sucht nach einer Möglichkeit, dass alle Kleinen betreut werden. Sie haben sofort Freunde gefunden und sind in die Freizeitaktivitäten eingebunden. Auch der 39-Jährige hat Anschluss bekommen und spielt im Fußballverein – die schnellste Möglichkeit, integriert zu werden.

Seine Frau Irina freut sich nach wie vor: „Wir sind damals aus dem Chaos nach Gerabronn gekommen und haben eine herzliche Hilfe erfahren. Damit haben wir nicht gerechnet.“ Zu Beginn, als sie noch keine staatlichen Hilfen bekamen, haben viele Freiwillige die Geflüchteten mit Lebensmitteln versorgt und die Wohnungen mit Möbeln ausgestattet. Auch haben die Ehrenamtlichen sie dabei unterstützt, die bürokratischen Hürden zu meistern, betont die 35-Jährige.

Ihre Mutter Taiisia hat laut ihren eignen Erzählungen schon viel in ihrem 71 Jahre langen Leben mitgemacht, „ich habe jede Menge gute Menschen getroffen, aber das Willkommen in Gerabronn war schon etwas Besonderes. Diese tolle Erfahrung werde ich in meiner Erinnerung behalten“.

Vor allem die Schule sei für ihre Enkel ungewohnt: Die Atmosphäre sei nicht streng, die Lehrerinnen und Lehrer lachten mit den Kindern, „sie möchten das nicht missen“. Beim Zirkusprojekt Ende Mai waren die Jungs sofort mit dabei und konnten nach kürzester Zeit alle Lieder mitsingen.

Parallel zu den Kindern erhalten die Erwachsenen – derzeit sind rund 130 Ukrainerinnen und Ukrainer aller Altersstufen in Gerabronn – Deutschunterricht, zunächst noch auf ehrenamtlicher Basis im evangelischen Gemeindehaus. Schon bald sollen die offiziellen Integrationskurse beginnen.

Die Familie stammt aus der Nähe von Dnipro im Osten der Ukraine, an der Grenze zum Donezk-Becken. „Wir haben dort alles gehabt“, betont Ruslan. Als der Krieg im Februar begann, harrten sie in der ersten Woche noch überwiegend im Keller ihres Hauses aus. Doch als die Front immer näher rückte und die ersten Raketen über den Ort flogen, sei bei der Bevölkerung Panik ausgebrochen: Benzin und Nahrungsmittel wurden knapp. „Wir haben uns schweren Herzens zur Flucht entschieden.“ Fünf Tagen haben sie mit ihrem Auto bis zur polnischen Grenze benötigt. Eine Woche blieben sie im Nachbarland, weil sie dachten, dass der Krieg schnell vorbei sei. Nachdem sie eine Adresse im Süden Deutschlands bekamen, haben sie sich auf den Weg nach Hohenlohe gemacht und kamen Mitte März hier an.

Ruslan, der studierte Buchhalter, und Irina, die diplomierte Fahrdienstleiterin, wollen beide so schnell wie möglich arbeiten, um dem deutschen Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Damit soll für sie auch ein bisschen Normalität und Sicherheit einkehren. Ihnen ist aber klar, dass dafür die deutsche Sprache notwendig ist. Manche Geflüchteten haben bereits Aushilfsjobs angenommen.

Taiisia weiß, dass sie erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind, „es fühlt sich aber an, als ob wir schon sehr viel länger hier wären.“ Sie schätzt vor allem die guten Lebensmittel, ihre Tochter Irina bestätigt das: „In der Ukraine wusste man oft nicht, ob schädliche Stoffe im gekauften Obst oder Gemüse waren.“ Hier gebe es sehr viele Bio-Lebensmittel, „und sogar das Wasser kann man aus der Leitung trinken“. Der deutsche Respekt gegenüber der Natur hat auch Ruslan positiv überrascht: beispielsweise die saubere Luft, die Mülltrennung und ‑entsorgung.

Nachdem sie jetzt, wie viele andere Ukrainerinnen und Ukrainer, im Alltag angekommen sind, wollen Irina und Ruslan eine Perspektive für sich und ihre sechsköpfige Familie haben. Sie möchten auf eigenen Beinen stehen und unabhängig von der Hilfe anderer sein, Ruhe finden und weiterhin gemeinsam leben: So suchen sie derzeit, wie weitere Geflüchtete auch, eine andere Wohnung.

Obwohl viele Menschen vorübergehend eine neue Normalität in Gerabronn und Umgebung gefunden haben, ist der Bedarf an ehrenamtlicher Unterstützung weiterhin hoch. Der Verein Füreinander, der die Hilfen über einen Mitarbeiter koordiniert, benötigt nach wie vor Freiwillige, die sich engagieren wollen. Nachdem zu Beginn viele Hände mit anpackten, habe das Interesse deutlich nachgelassen, erläutert Patrick Staack vom kirchlichen Verein die aktuelle Situation. Zwar sei der Strom der nach Deutschland Geflüchteten deutlich zurückgegangen, es kämen aber noch vereinzelt Menschen hier an, ziehen um oder bräuchten sonstige Hilfe. th

Bild: Irina, Ruslan, Taiisia und zwei der drei Söhne haben sich gut in Gerabronn eingelebt. Jetzt suchen sie für sich eine neue Wohnung. 

Zur Info:

Der Verein Füreinander kümmert sich um die Hilfe für die Geflüchteten in Gerabronn. Nach wie vor werden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Dinge für den Alltag oder Wohnungen gesucht. Koordinator Patrick Staack beantwortet gerne Fragen oder nimmt Hinweise telefonisch entgegen: 0152/31897674‬.

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