Ebbes aus Hohenlohe

Die bunte Neon-Welt aufs Land holen

Der Hohenloher Kai Zwettler gewinnt mit seinem Abschlusswerk mehrere Preise. Er liebt es, kreativ zu sein und unterschiedliche Dinge auszuprobieren.

Wie öde kann es sein, wenn man in einer neuen Stadt oder noch schlimmer, in einem Kaff auf dem Land gestrandet ist? Oliver hat keine Lust, neue Freunde kennenzulernen, bis er die magische Kammerjägerin Fiona und einige entlaufene Wichtel trifft. Soweit die Zusammenfassung des Kurzfilms „Oliver auf Kammerjagd“, den Kai Zwettler zusammen mit Mirko Muhshoff als Abschlussarbeit geschrieben und gedreht hat. Obwohl es heute nicht mehr üblich ist, Realfilm und Zeichentrickelemente zu kombinieren, „nutzten wir diese Technik, um den Film mit ihrer zeitlosen und rebellischen Magie anzureichern“, beschreiben die beiden die Herangehensweise.

Kai Zwettler stammt ursprünglich aus Rot am See und hat sich schon früh mit kreativen Inhalten beschäftigt, die gerne von Menschen gelesen oder angeschaut werden. Von klein auf zeichnete und fotografierte er, sein Schulpraktikum absolvierte er beim Hohenloher Tagblatt. Dabei hatte er keine bevorzugten Motive, „mal war es das, mal war es jenes“. Er suchte sich einen Studiengang heraus, bei dem er möglichst viel ausprobieren konnte: Medienkunst und Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität in Weimar. In den Studios am Campus konnte der heute 29-Jährige Film, Radio und Animation kennenlernen und experimentell miteinander kombinieren. „Das geht nur in der Zeit des Studiums, später wird das nicht mehr so leicht möglich sein.“ Als es an das Thema für den Abschlussfilm ging, waren sich Kai Zwettler und Mirko Muhshoff schnell einig, dass es ein Kinder- oder Familienfilm werden sollte.

Kai Zwettler ist in der Welt herumgekommen und hat in Städten wie Wuhan, Hongkong oder New York studiert, gearbeitet und gelebt. Die aus den „Neon-Metropolen“ (Zwettler) gewonnenen Erfahrungen wollte er in den Film einbringen. Großes Vorbild ist für ihn das japanische Zeichentrickstudio Ghibli mit seinen Fantasy-Geschichten für die ganze Familie. Dazu kommt seine Herkunft aus dem Hohenloher Land – schon war das Thema geboren. „Wir wollten die fantasievolle Magie der Großstadt zu einem Abenteuer auf dem Land verarbeiten.“ Dabei wechselten sie die Perspektive und brachten die bunte Glitzerwelt in eine Kleinstadt, deren Atmosphäre sie kennen: So treiben Thüringer Fabelwesen in ihrem Film „Oliver auf Kammerjagd“ allerlei Unfug. „Wir haben uns aus der reichen mitteldeutschen Sagenwelt frei bedient und unsere Lieblingsfiguren einfach miteinander kombiniert.“

Während des Studiums arbeitete Kai Zwettler eher an Projekten, die sich einzelnen Teilaspekten wie unterschiedlichen Themen oder Darstellungsformen widmeten. Der Abschlussfilm für die Masterarbeit war umfangreicher und wurde von einem Professor begleitet. „Da wurden wir ab und zu wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Einen Film zu machen, ist eine teure Angelegenheit“, lernte der Medienschaffende. So ging es Anfang 2020 ans Sammeln von Zuschüssen von Filmfonds oder Staatsgeldern, „die Liebe, die wir hineinstecken wollen, musste sichtbar sein, der Film sollte etwas hermachen“.

Mit einem Team aus Studentinnen und Studenten und dem Netzwerk ging es ans Projekt: Die Schauspielerinnen und Schauspieler waren Profis, die Kinder Laien. Im Sommer 2020 wurde an zehn Tagen in Mühlhausen und Bad Langensalza gedreht. „Unsere Ausstatterin hat die Thüringer Drehorte wirklich verwandelt, fast verzaubert“, schwärmt Kai Zwettler. Dabei war es wichtig, den jungen Darstellerinnen und Darstellern zu zeigen, wie die fertige Szene später einmal aussehen sollte – sie mussten mit einem Wichtel interagieren, den sie gar nicht sehen konnten. Da war Vorstellungskraft gefragt: „Wir haben bei der Probe einen Plüschhasen genommen, während des Drehs war nichts zu sehen“, erklärt er den Ablauf. „Später wurden die Fabelwesen dann in den Film hineingemalt.“ Denn erst die Interaktion der Menschen erwecke die leblosen Figuren zum Leben. „Es war eine tolle Zeit, mit den Kindern zu arbeiten. Sie haben Intuition, experimentieren gerne und können improvisieren.“

Kai Zwettler erinnert sich auch an andere Phasen des Projekts: „Die Nachbearbeitung während der Corona-Pandemie war dagegen eine ganz schön einsame Tätigkeit.“ Neben dem Schnitt mussten die Kobolde und die Fabelwesen Bild für Bild animiert werden – er zeichnete die Figuren direkt in den Film hinein. „Trotz allem war der Austausch in dem kleinen Kernteam schon cool.“ Es dauerte gut ein Jahr, bis alles gepasst hat: die Zeichnungen und die Bewegungen, der Ton und die Musik.

Im Anschluss haben sich Kai Zwettler und Mirko Muhshoff auf verschiedenen Festivals beworben: Bei den Kurzfilmtagen in Bamberg setzte sich Anfang Januar 2023 ihr Beitrag als „Bester Kinderfilm“ durch. „Schön war, dass wir mitten im Publikum und damit in der Jury saßen“, erzählt der gebürtige Hohenloher. „So bekamen wir die Diskussionen mit, wohin die Punkte gehen sollten.“ Sie haben ehrlich und ungefiltert erfahren, was den Kindern gefällt und was nicht, „dafür haben wir den Film gemacht“. Und erst Ende März gewann „Oliver auf Kammerjagd“ den Kinderfilmpreis beim Landshuter Kurzfilmfestival.

„Kinder sind ein anspruchsvolles Publikum“, ist sich Kai Zwettler sicher. Darum sollte der Kinderfilm als Medium ernster genommen werden als das bisher der Fall ist. Seine Mission ist nach wie vor, Filme für junge Menschen zu machen. Derzeit arbeitet er an einer Serienproduktion mit, die Real- und Animationsfilm kombiniert. Parallel dazu verwirklicht er als Regisseur eigene Projekte. Der 29-Jährige will Kindern ein Aha-Erlebnis mitgeben, bei dem sie etwas lernen und den eigenen Horizont erweitern können.

Aber nun noch zur Moral der Geschichte: Oliver half im Film bei der schwierigen Umsiedlung eines Wichtels und merkt, dass auch er in seinem zunächst fremden Wohnort ein neues Zuhause und Anschluss finden kann. th

Foto: privat

Zur Info:

Der Film „Oliver auf Kammerjagd“ läuft am morgigen Samstag, 15. April, um 7.15 Uhr im MDR-Fernsehen. Danach wird er in der Mediathek zu finden sein.

Ähnliche Beiträge:

„Wir erhalten viel zurück“

Redaktion

Friedensgebet für Ukraine

Redaktion

Der goldorangene Kürbis

Redaktion