Zwischen Heimat und Beruf

Unterwegs mit Pendlern ab Eckartshausen

Mehr als 20 000 Menschen aus der Region Schwäbisch Hall haben ihren Arbeitsplatz in einem anderen Kreis. Viele der sogenannten Auspendler benutzen die Bahn, vor allem, wenn ihr Ziel im Großraum Stuttgart liegt – die Strecke ab Eckartshausen ist dabei ziemlich stark frequentiert.

Rund 7000 Stunden hat Markus Kern aus Wolpertshausen in den letzten 13 Jahren im Zug verbracht. Solange arbeitet der 39-Jährige bereits bei der Daimler AG in Stuttgart-Untertürkheim. Das heißt, fast 300 Tage ist er nur gefahren. Oder hat, um es anders auszudrücken, mit der Strecke vom Wohnort zur Arbeitsstelle bislang eineinhalb Mal die Welt umrundet. Dabei ist Kern kein Einzelfall. Der Fernpendler ist einer von circa 1600 Menschen, die laut Arbeitsamt derzeit täglich aus dem Landkreis Schwäbisch Hall in die Landeshauptstadt beziehungsweise in die Region Heilbronn fahren.
Gemeinsam mit fünf Werkskollegen nimmt Markus Kern den ersten Zug ab Eckartshausen Richtung Stuttgart Hauptbahnhof, Abfahrt um 4.45 Uhr von Gleis 1. Drängeln, schubsen, schieben ist zur frühen Stunde nicht angesagt. „Wir sind die zweite Station nach Crailsheim. Da ist der Zug fast leer“, sagt Kern. Die Platzwahl wäre also beliebig. Doch in der Gruppe hat sich eine gewisse Routine eingespielt und so nimmt jeder gezielt seinen Platz ein. „Die Hinfahrt ist recht entspannt. Wir unterhalten uns ein bisschen. Meistens mach’ ich dann noch ein kleines Nickerchen“, erzählt der Ingenieur. Die nächste Station heißt Schwäbisch Hall-Hessental. Dann folgen Gaildorf West und weitere acht Zwischenstopps. Als die Regionalbahn um 5.57 Uhr in Stuttgart-Bad Cannstatt einfährt, ist es am Himmel hell und im Zug voll geworden. Am Bahnhof schwappt der Hohenloher mit dem Menschenstrom heraus. Einige husten oder niesen. Zu den Stressfaktoren Enge und Lärm hat sich in den letzten Wochen die Corona-Krise gesellt. Doch Panik ist nicht spürbar. „Man unterhält sich darüber. Wir witzeln sogar, was wir das ganze Jahr über aus den nicht besonders sauberen Zügen so alles mitschleppen. Da dürfte das Virus eigentlich keine Chance mehr haben“, meint Kern, der jetzt in die S-Bahn nach Untertürkheim umsteigen muss. Über eine Stunde ist er zur Arbeit unterwegs. Ob er sich lieber beamen lassen würde, wenn das ginge? „Manchmal bestimmt. Aber eigentlich bin ich zufrieden wie es ist, weil man oft witzige Geschichten erlebt oder neue Leute trifft“, findet der langjährige Berufspendler. Zum Beispiel habe er durch das Zugfahren einen anderen Pendler kennengelernt, der wie er selbst in seiner Freizeit gerne an Autos schraubt. So freue man sich jedes Mal, wenn man sich sehe und austauschen könne, was man gerade Neues bastle.
Gelegenheitspendler Kai Klostermann, ebenfalls aus Wolpertshausen, sieht das ähnlich. „Anders als beim Autofahrer ist die Fahrtzeit beim Bahnpendler nicht verschwendet.“ Der Software-Entwickler kann vieles aus dem Homeoffice erledigen und muss nur zweimal pro Woche in das Büro in Stuttgart-Mitte. „Die Züge sind ganz gut ausgestattet. Es gibt WLAN, Tische und so weiter. Man kann arbeiten, einen Podcast hören oder ein Buch lesen“, meint der gebürtige Ansbacher. Doch jeden Tag hin und her pendeln könnte er nicht. Das Hauptproblem sieht er in den schlechten Verbindungen am Abend. „Ich steige in Schwäbisch Hall in den Bus um. Abends fahren nur noch Rufbusse, die oft spät oder gar nicht kommen. Dann schaffe ich es frühestens gegen 19.45 Uhr nach Hause. Das ist ein langer Tag, wenn man bedenkt, wie früh es morgens losgeht.“ Klostermann ist überzeugt, dass mehr Berufspendler auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würden, wenn die Verbindungen besser ausgebaut und billiger wären. „Auf dem Land braucht man ohnehin ein Auto. Ich sehe da die Unternehmen in der Pflicht, Angebote zu machen. Wie etwa die Bausparkasse, deren Mitarbeiter kostenlos fahren können.“
Diversen Studien zufolge, sind für Berufspendler vor allem unerwartete Verspätungen ein echter Stressfaktor, der auf den Körper schlägt. Markus Kern und seine Kollegen wissen sich da zu helfen. „Wir haben eine Bahn-App über die wir Verzögerungen frühzeitig mitbekommen. Manchmal fallen Züge sogar aus. In so einem Fall telefonieren wir uns zusammen und bilden eine Fahrgemeinschaft. Aber das ist in all der Zeit erst dreimal passiert.“ Ein Umzug in die Stadt kommt für Markus Kern, seine Werkskollegen und auch Kai Klostermann nicht in Frage: Heimatverbundenheit, eine höhere Lebensqualität mit frischer Luft, Spaziergängen im Grünen sowie die im Verhältnis zur Stadt niedrigeren Kosten sind die Topargumente. „Wir haben hier unsere Familien, ein Vereinsleben, können uns ein Haus leisten. Haben einfach sichere Strukturen“, sind sich die Berufspendler einig. Dafür würden sie kilometermäßig glatt bis zum Mond fahren. ela

Info: Deutschland ist das Land der Berufspendler – deren Anzahl hat sich auf den Rekordwert von 19,3 Millionen gesteigert. Im Jahr 2000 waren es noch 14,9 Millionen. Als Pendler gelten alle Arbeitnehmer, die für ihren Arbeitsort die Gemeinde verlassen müssen. Pendler innerhalb einer Stadt sind sogenannte Binnenpendler und fallen aus dieser Statistik. In der Region Schwäbisch Hall pendeln rund 23 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zur Arbeit in einen anderen Kreis (Auspendler). Beinahe genauso viele pendeln übrigens aus einem anderen Kreis zum Arbeiten in die Region (Einpendler).

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